Von der Illusion des unbedingten Selbstseins zur Einsicht in die selbstlose Bedingtheit des Werdens


Erst wenn wir die Leerheit erkannt haben,

können wir uns von den Erscheinungen lösen.

(Dalai Lama)

 

Die Natur trägt uns und aus ihren Gesetzmässigkeiten entsteht all unser Wirken und Erleben. Wir aber, wir haben einen Wahn konstruiert, wir nennen ihn das Selbst oder unser Ich und schreiben ihm einen freien Willen zu. Wenn wir uns aber einmal vornehmen, der Entstehung einer Absicht, eines Willensentschlusses zuzusehen, dann können wir staunend beobachten, dass da nirgendwo ein Ich oder Selbst ist, das diesen Willen nach seinem Gutdünken produzieren könnte, sondern dass vielmehr der Wille sich selbsttätig aus unzähligen und letztlich anfangslosen Ursachen und Bedingungen formt und entwickelt und schliesslich als Entschluss ins Bewusstsein tritt und als Gedanke, Wort oder Tat zum Wirken, zur Handlung wird.

Das Ich ist eine Illusion, eine Einbildung. Die Dinge entstehen nicht aus einem Ich, sondern aus Bedingungen. Es gibt kein Ich, das die Bedingungen willkürlich, nach eigenem Gutdünken beeinflussen und verändern könnte. Wir sind den Bedingungen, also den natürlichen Gesetzmässigkeiten, ausgeliefert.

Das eingebildete Ich rebelliert dagegen, es nimmt diese Abhängigkeit von Bedingungen als Gefangenschaft und Sklaverei war. So entwickelt sich Aversion (Hass) gegen das, was ist, und Verlangen (Gier) nach dem, was nicht ist. Und so hat die Ich-Illusion ein Wirken geboren, das ein tatsächliches Erleben ist: Das Erleben eines gierigen und hassvollen Geisteszustandes, aus dem wiederum gierige und hassvolle Gedanken, Worte und Taten hervorquellen, welche ihrerseits die Ich-Illusion stärken. Ein echter Teufelskreis.

Es ist die Aufgabe der Einsicht in die Ichlosigkeit, in die Leerheit alles Existierenden, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Mit Leerheit ist gemeint die Tatsache, dass alle Wesen ohne ein autonomes Ich oder Selbst und alle Dinge ohne einen substanziellen Kern existieren. Alles Werden ist ein Fluss, ein unaufhörliches Sichverändern von Ursachen und Bedingungen. In diesem Sinne gibt es überhaupt kein Sein, sondern nur ein anfangsloses und unaufhörliches Entstehen und Vergehen von körperlichen (materiellen) und geistigen (immateriellen) Phänomenen.

Es kann niemals Frieden und Freiheit geben für ein Ich, denn das Ich ist blosse Illusion, ist ein Wahn, der gerade verantwortlich ist für das Erleben von Unfrieden und Unfreiheit. Frieden und Freiheit entstehen durch das Erkennen der Illusion als Illusion, durch Desillusionierung also.

Es gibt kein Ich oder Selbst, das erwacht. Im Erwachen löst sich das geträumte Ich, diese grundlegende Illusion und Unwissenheit bezüglich der Existenz auf. Und damit der Kampf gegen die Natur in Form des Wollens, was nicht ist, und des Nichtwollens, was ist.

Illusion ist gekennzeichnet durch Gier, Hass und Verblendung. Erwachen löst Gier, Hass und Verblendung auf und lässt Gierlosigkeit, Hasslosigkeit und Unverblendung entstehen.

Das Leben mit der Ich-Illusion ist ein äusserst kompliziertes Leben in ständigem Kampf gegen die Natur. Das desillusionierte Leben, das Leben ohne fortwährenden Ich-Bezug, ist ein einfaches Leben, das in keinem Widerstreit mehr steht gegen die Natur.

Wir können unser natürliches Leben der Ich-Illusion opfern und bleiben Sklaven von Gier und Hass. Oder wir opfern die Ich-Illusion unserem natürlichen Leben, geben uns also der Natur hin, und leben frei von Sklaverei.

Aber wir haben keinen freien Willen, dies oder jenes zu tun. Das irritiert uns. Sowohl das Leben in der Illusion als auch das Leben des Erwachens geschehen gesetzmässig, aufgrund von entsprechenden Bedingungen.


Dass du dieses Buch in deinen Händen hältst und darin liest, mag sehr wohl schon eine der vielfältigen Bedingungen sein für dein Erwachen. Es kann aber auch das Gegenteil bewirken, es kann dich irritieren und abstossen, so dass du dich von solchen Überlegungen abwendest und sie als völligen Schwachsinn abtust. Es liegt weder in meiner, noch in deiner Hand, was diese Lektüre mit dir macht. Das ist gemeint mit dem Nicht-Ich. Weder in mir noch in dir findet sich ein Ich, das dieses oder jenes macht. Es sind die Bedingungen, die entscheiden.

Thaddeus Golas hat gesagt: „Wer selber scheinen will, wird nicht erleuchtet.“ Wer sein Ich erhalten will, kann nicht erwachen.

Wenn wir lernen, die Wesen und Dinge ohne Bezogenheit auf ein inhärentes fixes Ich oder Selbst und ohne eine festen, unabhängigen, unwandelbaren Kern zu sehen, dann beginnen wir die Natur zu erkennen wie sie ist.

Das befreit uns auch von Schuldzuweisungen, an uns selber und an andere. Es kann weder ein Ich noch ein Du geben, das an irgendetwas schuldig ist, wenn alles aus anfangsloser und vielgestaltiger Bedingtheit geschieht. Leerheit und Bedingtheit, das ist die Natur, das ist Dhamma. Wir können die Natur schuldig sprechen, aber auch die Natur ist ohne ein Ich, ohne ein Selbst. Die Natur ist selbstloses, kernloses, abhängiges, bedingtes Werden. Wem wollen wir Schuld daran geben, dasss das Leben so ist, wie es ist?

Aber dem Ich gefällt es halt oftmals nicht, was das Leben so mit sich bringt. Und die Ich-Illusion löst sich nicht so leicht auf. Es ist ein sehr langer Weg zur Freiheit hin. Der echt und tief empfundene Erlösungswunsch deutet jedoch bereits auf ein fortgeschrittenes Reife-Stadium des Bewusstseins hin. Es ist der tiefe Wunsch, das Erleben von der Inbesitznahme als Ich und Mein zu befreien.

Der Erlösungswunsch ist eine mächtige Bedingung für das Erlöschen der Illusion. Auch der Erlösungswunsch entsteht aber aufgrund von Bedingungen, nicht als vermeintlich freie Willlensäusserung eines vermeintlich autonomen Selbst.

Was auch immer wir aufzählen können als Bedingungen für das Erwachen aus der Illusion, zum Beispiel Achtsamkeit, Einsicht, Meditation, Weisheit, Mitgefühl, ja die gesamte Theorie und Praxis des Erwachens: Nicht der kleinste Schritt geschieht aus dem freien Willen eines unabhängigen Ich. Jeder Schritt kommt zustande aus Bedingungen, die ihrerseits aus Bedingungen entstanden sind, welche ihrerseits aus Bedingungen entstanden sind. Anfangslos. Unbegrenzt. Nirgendwo ein Ich, nirgendwo ein Selbst, das über das Auftreten oder das Nichtauftreten dieser oder jener Bedingungen entscheiden könnte.

Ich weiss, ich wiederhole mich. Aber bedenke: Wiederholung ist die Essenz des Lernens. Versuche, dich selber und die Welt so zu sehen: Ohne Ich und ohne Mein. Versuche die bedingte Phänomenalität des Werdens zu erkennen.

Was du siehst und erlebst sind lebendige, empfindende Wesen. Lebendige, empfindende Wesen, deren Lebensäusserungen durch Gier oder Gierlosigkeit, durch Hass oder Hasslosigkeit, durch Verblendung oder Unverblendung motiviert sind. Genauso wie auch deinen Lebensäusserungen diese sechs Geisteszustände zugrunde liegen. Mal diese, mal jene. Du magst die einen gut heissen und die anderen verurteilen, wirst aber dennoch nicht darum herum kommen, alles anzunehmen, so wie es eben ist. Du wirst also lernen, Gier, Hass und Verblendung anzunehmen, wo auch immer sie dir begegnen, in dir selber oder in einem Gegenüber. Und wenn du verurteilst oder verurteilt wirst, wirst du lernen, auch die Verurteilung, deine oder die deines Gegenübers, anzunehmen. Es gibt keinen anderen Weg zu Frieden und Freiheit.

Und du wirst Freude erleben, wenn du Gedanken, Worten und Taten begegnest, in dir selber oder in anderen, die offensichtlich in Gierlosigkeit, Hasslosigkeit und Unverblendung wurzeln. Wahrhaft selbstlose Gedanken, Worte und Taten. Leer an Bezogenheit auf ein Ich. Das sind die schönen Momente des Lebens. Momente, die uns aufzeigen, wo der Weg des Erwachens lang geht.

Alle Lebewesen streben nach dem Schönen, Guten und Wahren. Es ist wiederum die Natur selber, die dieses Streben nach Leidfreiheit in den Wesen angelegt hat. Es ist der bereits erwähnte Erlösungswunsch, der in jedem Wesen schlummert, oft und eine lange Zeit unbemerkt.

Es ist daher kein Ich nötig und kein freier Wille, um den Weg des Erwachens zu gehen. Die Natur geht ihn selber. Es ist das natürliche Verlangen in den Wesen, aus leidvollem Erleben – wie es aus Gier, Hass und Verblendung hervorgeht – herauszukommen.

Wenn ein Mensch mehr und mehr das Glück gierloser, hassloser und selbstloser Verhaltensweisen kennenlernt, in sich selber und bei anderen, dann beginnt ihm der Weg des Erwachens bewusst zu werden. Er beginnt die gesetzmässige bedingte Entstehung der Freiheit zuerst zu ahnen und dann immer klarer zu sehen. Der Erlösungswunsch wird gelebte Wirklichkeit und ein unerschütterliches Vertrauen in die Wirklichkeit und Wirksamkeit des Weges entfaltet sich in seinem Leben. 

Eine fortschreitend verantwortungsvollere ethische Handlungsweise ist Ergebnis der Wahrheitseinsicht, nicht umgekehrt. Wir geben daher den inneren Moralapostel auf und vertrauen ganz dem Weg des Erwachens aus der Ich-Illusion.

Die Befreiung des Geistes von Gier und Hass ist die Hauptaufgabe des Weges des Erwachens. Der Geist selber tut diese Arbeit. Er tut sie umso effektiver, je weniger der zutiefst in unsere Existenz eingeschriebene Unwissenheitstrieb ihm dabei in die Quere kommt.

Die existenzielle Unwissenheit über die wahre bedingte und leere Natur alles Existierenden wird noch lange für leidvolle und leidverursachende begehrliche und aversive Emotionen in unserem Leben sorgen. Das lässt sich nicht ändern. Weil es, wie gesagt, kein autonomes Selbst gibt, das diese Unwissenheit durch Willenskraft oder mit einem Befehl einfach aus der Welt schaffen könnte. So schön und praktisch es auch wäre: Es ist und bleibt eine Illusion.

Wir haben somit gar keine andere Wahl, als dem Weg der Natur zu vertrauen und uns dem Prozess des Erwachens hinzugeben. Und wenn wir der Natur nicht vertrauen und uns ihr nicht hingeben können, dann sind wir ihr trotzdem ausgeliefert. Die Natur hat kein Problem damit, wenn wir uns ihr widersetzen und uns gegen das, was sie mit uns tun will, streuben oder wenn wir etwas möchten, das sie nicht tut. Es kümmert sie nicht, denn auch alle rebellischen Regungen entstammen ihren Bedingungen und nicht einem autonomen Selbst, so sehr wir uns das vielleicht einreden. Und selbst die Autonomie und den freien Willen, die wir uns einreden, selbst dieses Einreden also kommt nicht aus dem Willen eines Ich, sondern ist Ergebnis einer Vielzahl von inneren und äusseren Bedingungen, die zu diesem Einreden führen. Ob uns das gefällt oder nicht.

Der Weg, wenn er einmal klar gesehen wird, ist tatsächlich einfach. Er besteht nicht im Tun, sondern im Loslassen. Aber eben: Wie schwer fällt dieses Loslassen dem ins Tun verwickelten und verkrampften Menschen! Dabei geht es noch nicht einmal darum, dass er das, was er tut, nicht mehr tun sollte, sondern nur darum, dass er sich nicht mehr einredet es sei da ein Ich, ein Selbst, das das tue, was durch ihn getan wird. 

Die Initiative geht von den Bedingungen aus, sie sind der Täter. Und so ist es mit jeder Tat, sei sie gemäss unseren ethischen Richtlinien gut oder nicht gut. Jede Tat ist Ergebnis einer anfangslosen und unüberschaubaren Vielzahl von Bedingungen die zu ihr Hinführen. 

Im Prozess des Erwachens erlischt der Wahn und die Wirklichkeit wie sie ist gewinnt mehr und mehr Kontur. Dann, wenn der Wahn, die Illusion, der Wahrheit weicht, wird das Leben einfach. Dann verliert es seine unüberschaubare Kompliziertheit und Komplexität. Dann findet der unaufhörliche Kampf gegen das Leben und gegen das, was das Leben als Wirken und Erleben in unsere Existenz trägt ein Ende. Dann wird es möglich, dem Leben zu vertrauen. Dann können wir uns dem Leben, der alles tragenden Natur, vorbehaltlos hingeben. Dann können wir gierfrei und hasslos akzeptieren, was das bedingte Entstehen in jedem konkreten Augenblick in unser Leben bringt und wir können ebenfalls gierfrei und hasslos akzeptieren, was das bedingte Vergehen in jedem konkreten Moment aus unserem Leben entfernt. Wir wehren uns nicht mehr gegen das Leben und wünschen uns kein anderes. Wir lernen unser Leben anzunehmen so wie es ist.

Ich ermutige mich selber – und hier auch dich –  immer wieder zum einfachen Leben. Wir brauchen nicht viel, wenn wir ein einfaches, meditatives Leben leben wollen. Das Leben ist da, es bietet sich uns dar, so wie es ist. Wir können viel leichter auf das wahre Leben eingehen, wenn uns kein unnötiger Ballast das Leben kompliziert macht. Die meisten unserer Besitztümer und Freizeitaktivitäten versperren uns nur die freie Sicht auf die wahre Natur des Seins. Sie machen es uns fast unmöglich, die drei wesentlichen Daseinsmerkmale zu erkennen und tief zu verstehen: Die Vergänglichkeit, das Leiden und das Nicht-Ich. Aber wir sollen sie ja auch nicht erkennen: Unsere Konsumgesellschaft funktioniert nur dank der selbstsüchtigen Begierden ihrer Mitglieder. Es ist nie genug und nie gut genug. Mehr vom Gleichen und noch mehr vom Besseren!

Es ist wirklich tragisch: Die Gesellschaft, zu der wir uns entwickelt haben und in der wir leben, von der wir ein Teil sind, diese menschliche Gesellschaft hat kein Interesse an selbstlosen, genügsamen und friedliebenden Menschen. Sie braucht begehrliche, aggressive Egomanen, die ihr helfen, das System aufrechtzuerhalten und sogar noch weiter zu entwickeln, dieses Wettkampfsystem um Geld und Macht.

Achtsamkeit beinhaltet Weisheit und Mitgefühl. Weisheit ist intuitives Verstehen von Vergänglichkeit, Leiden und Leerheit der Existenz. Mitgefühl ist das Mitfühlen, die Empathie mit den der Vergänglichkeit und dem Leiden unterworfenen Lebewesen, die leer an einem autonomen Selbst sind mit dem sie ihr Leben nach freiem Willen gestalten könnten wie sie möchten.

Wenn die Lebewesen, besonders auch der Mensch, ein solches Ich oder Selbst hätten, dann wären alle ihre Probleme gelöst. Sie könnten sich willentlich den Körper anbefehlen, den sie möchten. Sie könnten frei entscheiden, welche Gefühle sie gerade fühlen möchten und welche nicht. Aus freiem Willensentschluss könnten sie Geisteszustände (Emotionen) erzeugen, die sie gerade erleben möchten und andere, die sie nicht erleben möchten, würden aus ebensolchem freiem Willensentschluss nicht auftreten. Mit anderen Worten: Ein autonomes Selbst mit unbedingtem freiem Willen könnte jederzeit das Erleben wählen, das es möchte und das, was es nicht möchte, würde es nicht erleben. Schau in dich hinein: Ein solches Selbst und einen solchen bedingungsfreien Willen findest du nicht in dir, oder?

Deshalb sind die Lebewesen, auch wir Menschen, in unserem Erleben vollständig den Bedingungen ausgeliefert, die zu unserem konkreten Erleben führen. Wir haben nicht die Wahl, welchen Körper wir bei unserer Zeugung erhalten haben. Wir haben auch nicht die Wahl, wie sich dieser Körper im Lauf des Lebens verändern wird, ob er früh sehr krank wird oder nicht, ob er durch einen schweren Unfall beeinträchtigt wird oder nicht. Die Gefühle widerfahren, ja überfallen uns, wir können nicht sagen, so soll mein Gefühl sein, so soll es nicht sein. Willensregungen entstehen unabhängig davon, ob ich sie gut finde oder nicht. Erleben formt sich und widerfährt mir, jeden Moment neu, manchmal ist es mir willkommen, manchmal nicht.

Je tiefer wir die wahre Natur des Seins verstehen und verinnerlichen, umso grösser wird unser Mitgefühl für die Wesen, die in solcher Weise der Existenz ausgeliefert sind. Ohne wirkliche Macht über das Leben, ohne freien Willen, ohne ein autonomes Ich. Uns allen geht es so. Deshalb sind wir aufeinander angewiesen, damit wir uns das Leben nicht durch Gier, Hass und Verblendung noch zusätzlich und unnötig schwer machen.

Wenn die Bedingungen es zulassen, dann kann sich der Weg der Leidbefreiung in unserem Sein entfalten indem Gier, Hass und Verblendung in uns abnehmen und Gierlosigkeit, Hasslosigkeit und Unverblendung anwachsen. Wenn das geschieht, dann ist es ein grosser Segen für uns selber und für unsere Mitwesen. Dann werden wir zu echten Freunden füreinander, ohne selbstsüchtige, begehrliche und aversive Hintergedanken und frei vom Persönlichkeits-Wettkampf.

Dann wissen wir, dass keiner von uns besser oder schlechter oder gleich ist wie ein anderer. Dass keinem zum Vorwurf gemacht werden kann was und wie er ist. Weil wir alle aus unseren Bedingungen hervorgehen und keine freie Wahl darüber haben, wer und wie wir sind. Wir, die wir sind und tun, zu was die Bedingungen uns führen. Was wir in dieser Lage brauchen und was uns sehr helfen kann ist Mitgefühl. Mit uns selber und mit anderen. Es entsteht aus der Einsicht in die Vergänglichkeit, das Leiden, die Leerheit.

Der Buddha hat bereits vor zweitausendsechshundert Jahren und ohne moderne wissenschaftliche Mittel, nur durch Meditation, erkannt, dass wir weder ein autonomes Selbst sind, noch ein solches haben, sondern dass alles Wirken und Erleben gesetzmässig aus Bedingungen hervorgeht. Was für Konsequenzen könnte diese Erkenntnis für unser Selbst- und Weltbild haben?

Vielleicht ist es tatsächlich so, dass es kein Selbst gibt, das die Kontrolle über unser Leben hat. Und vielleicht ist es wirklich gerade diese fixe Idee eines autonomen und verantwortlichen Selbst, die unser Erleben unnötig beschwerlich macht und unser Leben der Möglichkeit beraubt, natürlich zu fliessen.

Was würde geschehen, wenn ich auf die Kontrolle über mein Leben verzichten und es vertrauensvoll in die Hände der Natur legen könnte?

Ein in diesem Sinne selbstloses Leben ist ein einfaches Leben, das sich dem natürlichen Lauf der Existenz hingibt und der Natur vertraut. Dieses einfache Leben befriedet das Herz, befreit den Geist und ist Freund aller Lebewesen. 

Ursache und Wirkung bedeuten zeitliche Abfolge von Geschehnissen im Raum. Zeit, Raum und Ursache sind mentale Kategorien, die im Verstand erscheinen und mit diesem auch wieder enden. Wie alles Mentale widerspricht das sogenannte Gesetz von Ursache und Wirkung sich selbst. Nichts, was existiert, hat eine bestimmte Ursache. Das gesamte Universum trägt zur Existenz auch des kleinsten Teiles bei. Nichts könnte so sein, wie es ist, ohne dass das Universum so ist, wie es ist. Das Universum ist die Manifestation oder der Ausdruck von einem fundamentalen und total freien Prinzip. Nichts kann geschehen, ohne dass das gesamte Universum es geschehen lässt.

Es ist die Illusion von Zeit, die uns von Kausalität reden lässt: Wenn Vergangenheit und Zukunft im zeitlosen Jetzt gesehen werden, als Teil eines gemeinsamen Musters, so verliert die Vorstellung von Ursache und Wirkung ihre Gültigkeit und wird durch kreative Freiheit ersetzt. Wenn ich sage, dass etwas ohne Ursache ist, dann meine ich, dass es ohne eine bestimmte offensichtliche Ursache sein kann. Für alles gibt es unendlich viele kausale Faktoren, doch die Quelle von allem, was ist, ist die unendliche Möglichkeit, die höchste Realität. Doch diese Quelle ist keine Ursache, und keine Ursache ist eine Quelle, deshalb sage ich, alles ist ohne Ursache.

Sie können vielleicht herausfinden, wie etwas passiert ist, doch sie können nicht herausfinden, warum etwas ist, wie es ist. Etwas ist, wie es ist, weil das Universum so ist, wie es ist.

(Sri Nisargadatta Maharaj)


Du bist, wie du bist, und du tust, was du tust,  weil eine vollständig unüberschaubare Vielzahl anfangsloser und breitgefächerter Bedingungen dich so sein und so tun lassen, wie du bist und tust.


Das bedeutet: Du kannst in keinem Augenblick ein anderer Mensch sein, als der, der du bist, und du kannst in keinem Augenblick etwas anderes tun, als das, was du tust.

Die Welt und das Leben sind Eins. Ich bin meine Welt. (Ludwig Wittgenstein)

Ich = Nicht-Ich. (Josef Zehentbauer)


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