Verhalten (Ethik)

 

Menschen, die sich ethisch verhalten,

sind glücklicher als solche, die das nicht tun.

(Dalai Lama)

 

Kann ich mich spielerisch ernsthaft ethisch verhalten? Ist es mir möglich, eigene Verhaltensregelungen zu entwerfen und diese nicht als moralisierende Gebote sondern vielmehr als Trainingsprinzipien für die Befreiung des Geistes, das Erwachen, die Erleuchtung, zu verstehen und anzuwenden? Oder gehe ich von der Ansicht aus, dass ethisch verantwortungsvolles Sprechen und Handeln unnötig ist? Verlasse ich mich darauf, dass Erleuchtung oder Erhöhung des Bewusstseins automatisch eintritt, einfach weil diese Phänomene und Vorgänge im Universum vorhanden sind? Mirko Frýba schreibt:

Der Erleuchtung ist es egal, wie du sie erlangst, sagt der Titel eines interessanten Buchs von Thaddeus Golas, und obwohl diese Aussage in gewissem Sinne zutrifft, stimmt es auch, dass man etwas unternehmen muss, um die Erleuchtung zu erreichen, oder besser gesagt: um sie zustande kommen zu lassen. Vielleicht können auch solche Menschen erleuchtet werden, die nicht befähigt sind, sich in den auf emanzipatorische Bewusstseinserhöhung zielenden Strategien zu schulen. Es wird aber kaum einer erleuchtet, der seine geistigen Kapazitäten in blossen Wortspielereien verzettelt, wie wissenschaftlich diese auch immer sein mögen. Die Investition psychischer Energie in Träumereien und Visionen und das Füllen des Geistes mit wahllos gesammeltem Wissen führt weder zur Erleuchtung noch zu Emanzipation.

Denkexperimente, Meditation, Träumereien, Wunschvorstellungen und Visionen führen weder zur besseren Verständigung zwischen den Menschen noch zur Harmonisierung der Verhältnisse in der Aussenwelt. Dafür sind konkrete, durchführbare Strategien erforderlich. Phantasie ist notwendig für die Vorwegnahme der Ziele, und ohne rechte Meditation ist emanzipatorische Geistesschulung unmöglich – aber beides reicht nicht aus. Für ein glückliches Leben ist auch eine Kultivierung des konkreten Handelns und des Lebensstils notwendig. Ein Ver-fallensein den imaginären Welten der Wissenschaft, der Magie, des Okkultismus und das damit verbundene Wunschdenken und Anrufung höherer Intelligenzen bewirkt eine Wirklichkeitsentfremdung, eine Schwächung der Fähigkeit, zwischen verschiedenen Wirklichkeiten zu unterscheiden, und eine Lähmung der Entschlusskraft. Wir wissen, wie wichtig diese geistigen Kräfte für die Emanzipation sind.

Bevor wir die unheilvollen Tatsachen des Lebens konkret ins Auge fassen und Möglichkeiten des geschickten Umgangs mit ihnen suchen, wollen wir eine zuverlässige subjektive Ausgangslage schaffen und einige nützliche, grundlegende Unterscheidungen treffen.

Die zuverlässige subjektive Ausgangslage finden wir im Alltag, indem wir kurz innehalten und uns unsere Kompetenzen vergegenwärtigen: Durch Selbstbesinnung werden wir jeweils neu gewahr, dass wir die Fähigkeit zum „Stopp“ besitzen, die uns auch die körperliche Wirklichkeitsverankerung ermöglicht. Die Möglichkeit, sich jederzeit auf eigene Kompetenzen zu beziehen, ist ein wichtiges Prinzip persönlicher Integrität. Die in persönlicher Integrität und Kompetenz bestehende Ausgangslage für jedes den Menschen weiterführende (emanzipatorische) Geistestraining wird in der Sprache unserer herkömmlichen Psychologie als „Persönlichkeitsintegration mittels Harmonisierung der Beziehungen zur Gesellschaft und zur Umwelt unter Anwendung autochthoner Verhaltensregelungen“ definiert. Die Freude an eigenen Kompetenzen legt Kräfte frei, welche erlauben, das Handeln und Sprechen bei der Verwirklichung des Glücks immer kreativer und zweckmässiger einzusetzen. Beherrschung geht mit Überblick einher, und Überblick ist notwendig um einen Freiraum für das Ausprobieren von Neuem schaffen zu können.

Die Verhaltensregelungen sind autochthon, das heisst, sie entspringen den innersten Bereichen unserer Person, sie sind aus Einsicht entwickelt und durch Erfahrung geprüft. Am einfachsten werden die Leitsätze nach fünf Kriterien formuliert, die darauf abzielen, das Hass und Gier im Tun und Sprechen unterbleiben und dass der Mensch nicht in Verblendung und Vernebelung des Erlebens absinkt. Die Intentionalität beziehungsweise die Zielrichtung der Bewusstseinszustände, welche frei von leidverursachenden Neigungen sind, macht die zuverlässige subjektive Ausgangslage aus.

Es geht also um den Verzicht auf das Leiden, indem wir Abstand nehmen von Handlungen, die durch Gier, Hass und Verblendung motiviert sind. Wir verzichten auf das, was uns selber und anderen Leiden verursacht.

Die fünf Bereiche für das Erforschen und Einüben ethisch verantwortungsvollen Handelns und Sprechens sind die folgenden:


Gewalt

Wo stehe ich im Spannungsbereich zwischen der Bejahung von körperlicher Gewaltanwendung bis hin zum willentlichen Töten von Lebewesen und der Bejahung vollständiger Gewaltlosigkeit? Kann Gewalt zu Frieden, Freiheit und Freundschaft führen? Was lerne ich aus meiner persönlichen Erfahrung von Gewalt – sei es als Täter oder als Opfer?


Besitz

Wie stehe ich zu Besitz und Geld? Welche Formen der Aneignung von Geld und Besitz kann ich für mich selber von Herzen anerkennen und befürworten? Welche nicht? Ist ein Milliardär ein zu achtender Mensch? Ein Bettler ein zu verachtender? Wie verhält es sich mit Sozialhilfeempfängern? Ist es ethisch verantwortbar, dass ich meinen Lebensunterhalt durch Waffenhandel verdiene? Oder durch Drogenhandel? Wie will ich mir meinen Lebensunterhalt verdienen? Mit welcher Form des Lebenserwerbs kann ich das Erleben von Frieden, Freiheit und Freundschaft aller mit allen fördern?

Sexualität

Wie stehe ich zur Frage der Sexualität? Ist Sex Sünde? Wäre Keuschheit – ein zölibatäres Leben – die (gottgewollte) Lösung aller Schwierig-keiten, die ich im Zusammenhang mit meinem Sexualtrieb erlebe? Wie gehe ich mit meinen sexuellen Bedürfnissen um? Wie mit denen meines Partners, meiner Partnerin? Wie stehe ich zu gleichgeschlechtlicher Sexualität? Bin ich mit meiner eigenen gelebten oder auch nicht gelebten Sexualität im Reinen? Wie möchte ich meine Sexualität ausleben? Wo sehe ich hierbei die Grenzen des ethisch Verantwortbaren? Wie kann ich meine Sexualität so leben, dass sie zum Erleben von Frieden, Freiheit und Freundschaft zwischen mir und meinem Sexualpartner, meiner Sexualpartnerin, beiträgt und auch keinem anderen Menschen Leiden verursacht?

Drogen

Wenn dir LSD zu schnell geht, machs langsamer, schreibt Thaddeus Golas in Der Erleuchtung ist es egal, wie du sie erlangst. Können Drogen (inklusive Alkohol und alle anderen legalen Drogen, nicht nur die illegalen) überhaupt ein Weg zum Erwachen sein? Sind Rausch und Betäubung nicht ganz grundsätzlich einem wachen und bewusstseinsklaren Geisteszustand entgegengesetzt? Ist es für meine Mitmenschen schön, mich betäubt oder berauscht zu erleben? Kann Drogenkonsum mich und meine Mitwesen zum Erleben von Frieden, Freiheit und Freundschaft führen? Wie will ich leben: Mit viel oder mit wenig oder ganz ohne Drogen?

Sprache

Welchen Stellenwert haben in meinem Erleben die Wahrheit und die Lüge? Gibt es Situationen, in denen das Lügen als vertretbar oder gar als richtig anzusehen ist?

Wie verhält es sich mit grober, verletzender Rede? Ist solche Rede entschuldbar? Oder ist es manchmal das einzig Richtige, einen anderen Menschen so richtig zusammenzustauchen? Zum Beispiel, weil er auf höfliche Rede schlicht nicht reagiert?

Ist es okay, hinter dem Rücken anderer schlecht über sie zu reden? Oder sollten wir überhaupt nicht über einen Menschen sprechen, der nicht anwesend ist?

Und wie ist es mit leerem Geschwätz? Mit sinnlosem Getratsche? Welche Gespräche sind überhaupt sinnvoll? Welche nicht?

Mit welcher Form sprachlicher Kommunikation trage ich zum Erleben von Frieden, Freiheit und Freundschaft zwischen uns Menschen bei?

Durch das Ausbauen von ethisch verantwortungsvollem Verhalten schützen wir unsere Glücksfähigkeit. Wenn wir aber unsere Gier und unseren Hass wuchern lassen, würde sie abnehmen. Weiter beugen wir dem Leiden vor, das in unserer äusseren Umgebung und in unserem psychischen Ökosystem entstünde und zu schmerzhaften Rückwirkungen führen würde. Indem wir die fünf Prinzipien trainieren, gewinnen wir mehr Rückhalt in unserer zuverlässigen subjektiven Ausgangslage und entfalten zugleich unsere Handlungskompetenzen. Unsere Eigenformulierung der Regeln und deren Anwendung im Training ist zugleich der erste wirkungsvolle Schritt zur Meisterung unseres inneren Haushalts und zur Harmonisierung unseres psychischen Ökosystems. Denn es ist viel leichter, wenn wir unsere äusseren Handlungen beherrschen lernen, ehe wir zur emanzipatorischen Umgestaltung unserer Erlebensweise vorstossen.

Schon das Weise Auffassen und Erwägen des persönlichen Wissens, das Sie aus dem Schatz Ihrer auf die fünf Prinzipien bezogenen Lebenserfahrung schöpfen, kann zur unerwarteten Katharsis führen. Ihr persönlicher Wissensschatz ist mehr wert als psychologische Theorien über Ethik. Geniessen Sie doch die Freude an Ihrer Erkenntnis und Kreativität! Formulie-ren Sie eigene Leitsätze der Ethik und eine eigene Entschlussformel für die Übung!

(Mirko Frýba)


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