Sinnesbereiche

 

Rate ich euch, eure Sinne zu töten?

Ich rate euch zur Unschuld der Sinne.

(Friedrich Nietzsche)

 

Unser Erleben besteht in der Wahrnehmung und dem Bewusstsein der sechs Sinnesaktivitäten (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten, Denken) und der mit ihnen zusammen entstehenden Gefühle und Willensregungen. Jeder dieser Bereiche der Sinneswahrnehmung umfasst das Sinnesorgan als auch das Sinnesobjekt.

Neben den fünf körperlichen Sinnen (Augen, Ohren, Nase, Zunge und Körper) und ihren jeweiligen Objekten (Form, Klang, Geruch, Geschmack und Berührung) zählt auch der Geist als der sechste Sinn zusammen mit seinen Geistesobjekten dazu. Im gegenwärtigen Kontext steht „Geist“ hauptsächlich für die Denkaktivität.

Während die fünf körperlichen Sinne nicht am Wirkungsfeld der anderen teilhaben, stehen alle in Bezug zum Geist als dem sechsten Sinn. Das bedeutet: Alle Wahrnehmungsprozesse stützen sich zu einem gewissen Grad auf die interpretierende Funktion des Geistes, da es der Geist ist, der aus allen sechs Sinneseindrücken „Sinn macht“. Hieraus geht hervor, dass die reine Sinneswahrnehmung und die begriffsbildende Aktivität des Geistes als in einer Wechselbeziehung stehende Prozesse betrachtet werden, die gemeinsam die subjektive Erfahrung der Welt hervorbringen.

Besonders fasziniernd ist, dass im frühen Buddhismus der Geist ebenso wie die anderen Sinnesorgane behandelt wird: Mit dem Denken, dem logischen Schliessen, der Erinnerung und der Reflexion geht man genau so um wie mit den Sinnesdaten jedes der anderen Sinnentore. So wie es unmöglich ist, nur das zu sehen, zu hören, zu riechen, zu schmecken und zu berühren, was erwünscht ist, so ist es auch mit einem untrainierten Geist nicht möglich, nur dann Gedanken zu haben, wenn man möchte, und nur solche, die erwünscht sind.

Aus genau diesem Grund besteht ein wesentlicher Aspekt der Meditation darin, diese Situation zu verbessern, indem die Denkaktivität des Geistes langsam gezähmt und mehr unter bewusste Kontrolle gebracht wird.

Das Erleben, dargestellt durch die sechs Arten des Bewusstseins (entsprechend der sechs Sinne), ist das Ergebnis von zwei bestimmenden Einwirkungen: Auf der einen Seite ist der „objektive“ Aspekt, d.h. die einfliessenden Sinneseindrücke, und auf der anderen Seite der „subjektive“ Aspekt, nämlich die Art und Weise, wie diese Sinneseindrücke aufgenommen und erkannt werden.

(Analayo)

Das Hüten der Sinnenpforten

Diese Übung setzt eine verfeinerte Analyse der Körperlichkeit fort; sie befähigt uns dadurch, den Entstellungen des Wahrnehmens und den durch Begehren und Anhaften verursachten Stockungen des Gefühlstroms vorzubeugen. Mit dem Hüten der Sinnenpforten bezwecken wir ein Training der Sinnenwahrnehmung. Wir lernen zu unterscheiden, von welcher der sechs Sinnengrundlagen das jeweilige Erlebnis getragen wird. Wir trainieren die innere Meisterung der subjektiven Auffassung der Dingvielfalt in den sechs Kanälen der Datenverarbeitung, die den Kontakt zwischen den äusseren und inneren Grundlagen des Erlebens bedingen. Die Qualität des Kontakts – das heisst Diskrepanz, Störungsfreiheit, Einklang – wird als unangenehmes, neutrales oder angenehmes Gefühl erlebt, das ein Begehren der Triebe oder eine Absicht des emanzipatorischen Willens auslöst.

Wir hüten die Sinnenpforten zu dem Zweck, die Prozesse (also nicht die Inhalte) der Wahrnehmung unter bewusste Kontrolle zu bringen und somit ihre Zuverlässigkeit zu erhalten. Was auch immer wir wahrnehmen – ob angenehm, neutral oder schmerzhaft, hässlich oder schön – müssen wir wahrhaft und gründlich auffassen, damit wir wirklichkeitsgemäss damit umgehen können. Deswegen sollen wir in der Lage sein, Entstellungen zu merken, die durch Gier oder Hass (auch in ihren subtilen Formen von Anziehung und Abstossung) in der Sinnenwahrnehmung entstehen und so Vorschub für eine verblendungsbehaftete Datenverarbeitung leisten würden. Wir lernen also zu unterscheiden, welche der sechs inneren Grundlagen (Körper, Auge, Ohr, Nase, Zunge, Geist) im Sinnenkontakt aktiviert ist und später auch, welche Gefühlsqualität das Erleben hat.

Die Achtsamkeit als Hüterin der Sinnenpforten merkt und identifiziert mit Hilfe der Weisheit die Ankömmlinge, über die bekannt ist, dass sie einen hasserfüllten Aufruhr in der Stadt des Geistes provozieren können, wenn ihre Ankunft unangenehm ist, und dass sie Wellen von Gier auslösen können, wenn ihre Ankunft angenehm ist. Soweit gelten für die Achtsamkeit alle Objekte, die in die Sinnenpforte eintreten, nur als verdächtig. Hingegen gibt es – um das Gleichnis fortzusetzen – in der Stadt des Geistes selbst Elemente, die ausgewiesenermassen böse sind und nur Schaden anrichten: Gier und Hass. Deshalb blickt die Achtsamkeit als Hüterin der Sinnenpforten auch nach innen, um zu sehen, ob solch böse Elemente versuchen, sich mit den Ankömmlingen zu verbinden. Das ist der Kern der Übung, des Hütens der Sinnenpforten.

Das Hüten der Sinnenpforten übt man sowohl als methodische Meditation wie auch als Beschützen des eigenen psychischen Haushalts in Alltagssituationen.

(Mirko Frýba)

Wir lernen, wie wir unserer Wut und unseren Begierden freundlich begegnen und sie auf dem Weg mit Herz der Stille zuführen können.

Im Raum der Stille fallen die Objekte des Begehrens und der Aversion von der sie tragenden Energie ab und die Energie selber fliesst als reine Kraft der Stille zu.

Mit jeder begehrlichen und aggressiven Willensregung, die wir mitfühlend und wohlwollend auf dem Weg mit Herz der Stille zuführen, wächst die Kraft der Stille um die Energie des entsprechenden emotionalen Zustandes, sobald er seinen Gegenstand verloren hat.

Aber was ist diese Stille? Wie und wo finden wir sie in all dem äusseren und inneren Lärm? Und vor allem: Wenn wir ihn nicht finden, den Raum der Stille, warum finden wir ihn nicht? Was verbirgt unserem Herzen den Zutritt zu ihm?

Es ist das Gefühl, immer etwas zu verpassen, immer etwas tun zu müssen, immer weiter voran kommen zu wollen, immer mehr und noch etwas anderes haben und sein zu müssen: Dieses Gefühl lässt uns nicht innehalten, nicht stillehalten.

Das ununterbrochene Wollen und Nichtwollen von konkretem Erleben steht dem Erleben von Stille in der körperlichen Wirklichkeit hier und jetzt hinderlich im Wege.

Der Wille, der ein konkretes Erleben das jetzt gerade aktuell ist, nicht will, sich also aversiv dagegen wendet, es zu bekämpfen versucht oder vor ihm fliehen will, steht dem Erleben von Gestilltheit, von Friede, ebenso im Wege wie der Wille, der ein konkretes Erleben, das jetzt gerade nicht aktuell ist, herbeisehnt und herbeizuzwingen versucht. Anziehung und Abstossung. Gier und Hass.

Wir können keinen Frieden erleben, kein Stillesein, keine Ruhe und Gestilltheit, solange wir nicht bereit sind, das Erleben hier und jetzt anzunehmen wie es ist. In jedem einzelnen Moment. Mit allem, was dieses Erleben ausmacht. Mit allem, in diesem Erleben an- und abwesend Seiendem. Mit allem Entstehen und Vergehen des an- und des abwesend Seiendem.

Das Erleben ist kein Ding an sich und besteht in keiner Weise aus irgendetwas Statischem. Erleben ist fliessende Veränderung, ist unaufhörliches Entstehen, Verändern, Vergehen von Gefühlen und Wahrnehmungen.

Die Stille entsteht nicht dadurch, dass wir das Wollen und Nichtwollen verurteilen oder gar bekämpfen, sondern dadurch, dass wir das Wollen und Nichtwollen sein lassen, im Sein lassen, im Sinne von loslassen.

Selbst wenn wir die Stille wollen, lassen wir diesen Willen los, lassen ihn sein und was bleibt, ist: Stille. Friede.

Mit Stille meine ich nicht zwingend und nicht primär das Aufhören des Fühlens und Wahrneh-mens (obschon es dies auch geben mag: eine intensive und besondere Art von Stille), sondern viel mehr das Aufhören des Wollens und des Nichtwollens bestimmter, konkreter Gefühle und Wahrnehmungen.

Unter Stille verstehe ich also die Fähigkeit, dass die Gefühle und Wahrnehmungen, die hier und jetzt erlebt werden, tatsächlich, also bewusstseinsklar sie erkennend, erlebt werden. Stille als ein Zustand geistiger Klarheit, die jedes im Geist aufscheinende und erlöschende Objekt fühlend bewertet und wahrnehmend benennt.

Keine Totenstille also, sondern eher eine Stille im Zentrum des Zyklons. Besser noch: Unaufhörlich aufscheinend und erlöschend tanzt das Leben durch die Stille. Lärmend und gestikulierend, manchmal auch ganz leise und sanft, tauchen die Szenerien auf und unter.

Das Erleben ist der Fisch, die Stille ist das Wasser. Diese Art von Stille kann nur erlebt werden, wenn der Wille schweigt, wenn kein Erleben gewollt und keines nicht gewollt wird. Dann schwimmen die Fische, alle Fische, frei im unermesslichen Ozean der Bewusstheit, keiner hängt an der Angel, keiner wird verjagt.

Frei tanzt Geborenes-und-Sterbendes durch die Stille, umgeben von anfangs- und endlosem Frieden, wie der Fisch umgeben vom Wasser. Das Erlöschen der Leidenschaften? Das könnte zwar auch so ähnlich beschrieben werden, aber hier geht es mir um Sammlung des Herzens, um Geistessammlung, um den Herzensfrieden als Boden und Fundament für die reine Präsenz.

Ganz praktisch geht es also darum, in allem Erleben innerlich ruhig und gelassen, eben friedlich, bleiben zu können. Das Erleben mit allen seinen Faktoren und in allen seinen Facetten sein zu lassen wie es ist. Alles Erleben ist Erleben und Erleben ist gerade so, wie es ist. Und zwar sowohl das passive wie das aktive Erleben. Denn dieses wie jenes entsteht und besteht aus Ursachen und Bedingungen und eben nicht aus einem vermeintlich freien Willen eines vermeintlich unabhängigen Individuums.

Auch das Erlebenwollen und das Nichterlebenwollen sind Fische im Ozean der Stille und die Stille wird durch sie in keiner Weise beunruhigt: Falle nicht herein auf ihre schwärmerischen und lärmenden Gesten! Und auch nicht auf ihr Säuseln und Flüstern.

Stille ist die stärkere Energie als alles Wollen. Innerer Friede wird erlebt, wenn und insoweit alles Wollen und Nichtwollen gestillt wird, wenn also der Wille sich als Kraft der Stille offenbart. Alles Wollen und Nichtwollen verliert sich in dieser starken Energie, in der Kraft der Stille.

An die Stelle des friedlosen, ruhelosen Wollens und Nichtwollens tritt die befriedete und befriedende Kraft der Stille.

Die Wahrnehmung verändert sich von unfriedlicher Rastlosigkeit zu friedlicher Ruhe, vom Lärm zur Stille, vom Wollen zur Kraft. Nicht mehr egoistisches Wollen in anziehendem und abstossendem Festhalten wird wahrgenommen, also erlebt, sondern eine stille, eine gestillte Kraft, die Präsenz ermöglicht, Präsenz erschafft.

Die Kraft der Stille ist selbstlos, kernlos, geht nicht von einem Ich aus. So vermag sie zu befrieden, inneren Frieden zu schenken. Und nur auf dem Boden des befriedeten, friedlichen Erlebens ist das Wirken der Präsenz, das Erleben von Freiheit, möglich.


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