Herzenskultur

 

Es gibt eine "Kultur des Herzens".

Was ist das?

(Paul Schibler)

 

Wir versuchen uns ein Bild zu machen von dem, was Carlos Castaneda’s schamanischer Lehrer Don Juan Matus den Weg mit Herz nennt und das auch als ethisches Verantwortungsbewusstsein und als Herzenskultur bezeichnet werden kann. Hören wir uns hierzu ein paar Aussagen unterschiedlicher Menschen mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund an. Da wäre zuerst Don Juan Matus:

Es gibt nichts Wichtigeres, als einen Weg mit Herz zu finden und ihn dann zu Ende zu gehen, und das bedeutet, dass die Identifizierung mit der zugänglichsten Alternative genug ist. Die Reise allein reicht aus; jede Hoffnung, zu einem Dauerzustand zu kommen, liegt ausserhalb der Grenzen des Wissens.

Für mich gibt es nur das Gehen auf Wegen die Herz haben,
auf jedem Weg gehe ich, der vielleicht ein Weg ist, der Herz hat.
Dort gehe ich, und die einzige lohnende Herausforderung ist, seine ganze Länge zu gehen.
Und dort gehe ich und sehe und sehe atemlos.

Wir lassen die Aussage ein wenig wirken und widerkäuen sie geistig, im Herzen, bis wir ihren Wohlgeschmack wahrnehmen können. Dann wenden wir uns der Aussage des buddhistischen Mönches Nyanaponika Mahathera zu, in seinem Meditationsklassiker Geistestraining durch Achtsamkeit schreibt er zur Kultur des Herzens:

Sittlichkeit, welche die Beziehungen des Einzelnen zum Mitmenschen regelt, kann wohl durch Gebote, Regeln und Gesetze gestützt und geschützt und durch die Vernunft begründet werden, doch ihre einzig sicheren Wurzeln liegen in einer wahren Kultur des Herzens. Diese findet in der Buddha-Lehre den denkbar vollkommensten Ausdruck in den vier «Erhabenen Weilungen», oder «Göttergleichen Zuständen», nämlich: Liebe, Mitleid, Mitfreude und Gleichmut. Darüber gibt die buddhistische Literatur genügende Auskunft. Nur dieses sei noch hierzu bemerkt:

Es ist ein tiefes Wohlwollen für alles Lebendige, die All-Güte, welche die Grundlage für die anderen drei Eigenschaften bildet, ebenso wie für jedes Veredlungsstreben. Der Jünger der hier gelehrten Achtsamkeits-Schulung wird daher seine Achtsamkeit zunächst darauf zu lenken haben, dass sein Denken, Sprechen und Handeln nie der uneingeschränkten Güte ermangelt. In diesem Sinne heisst es in dem klassischen buddhistischen Text, dem «Lied von der Güte»:

«Voll Güte zu der ganzen Welt entfalte ohne Schranken man den Geist: Nach oben hin, nach unten, quer inmitten, von Herzens-Enge, Hass und Feindschaft frei! Ob stehend, gehend, sitzend oder liegend, wie immer man von Schlaffheit frei, auf diese Achtsamkeit soll man sich gründen. Als göttlich Weilen gilt dies schon hienieden.» 

Ferner sagte der Erwachte:

«Mich selbst werde ich schützen, so sind die Grundlagen der Achtsamkeit zu üben. Den Anderen werde ich schützen, so sind die Grundlagen der Achtsamkeit zu üben. Sich selbst schützend, schützt man den Anderen; den Anderen schützend, schützt man sich selbst.

Und wie schützt man, indem man sich selber schützt, den Anderen? Durch regelmässige Übung, durch Geistes-Entfaltung, durch ihre häufige Betätigung.

Und wie schützt man sich selber, indem man den anderen schützt? Durch Geduld, Gewaltlosigkeit, Güte und Mitleid.»

Die Wurzeln ethischen Verantwortungsbewusstseins liegen also nicht in Regeln, Geboten und Verboten, sondern in der Ausbildung des eigenen Herzens. Der spirituelle Weg beginnt als Weg mit Herz und führt über die Kraft der Stille zum Wirken der Präsenz – auf dem Weg mit Herz.

Der Weg mit Herz entfaltet sich durch wachsende Einsicht in die gegenseitige abhängige Bedingtheit unserer individuellen Existenzen. Wir verlieren nicht unsere Individualität auf diesem Weg, aber wir sind auf diesem Weg auch nicht getrennt voneinander. Ram Dass beschrieb es am Beispiel des indischen Grusses:

Wenn wir uns in Indien treffen oder verabschieden, dann sagen wir oft „Namasté“ zueinander.
Das bedeutet: Ich ehre in dir den Ort, wo das gesamte Universum weilt.
Ich ehre in dir den Ort der Liebe, des Lichtes, der Wahrheit, des Friedens.
Ich ehre den Ort in dir, wo wir beide, wenn du dort in dir weilst und wenn ich mich an jenem Ort in mir befinde, eins sind. Namasté.
                     

Ein schönes Beispiel für religiös übertünchte Selbstbezogenheit – die gibt es mehr, als uns lieb sein kann, und zwar in erster Linie in unseren eigenen Herzen, da müssen wir mutig hinschauen und uns nicht der Verdrängung und Verleugnung ausliefern – gibt die kleine Geschichte vom Asket und der Maus:

Ein Asket sass meditierend in seiner Höhle. Da huschte eine Maus herein und knabberte an seiner Sandale. Der Asket öffnete verärgert die Augen: „Warum störst du mich in meiner Andacht!“
„Ich habe Hunger“, piepste die Maus. „Geh weg, törichte Maus“, predigte der Asket, „ich suche die Einheit mit Gott, wie kannst du mich dabei stören!“
„Wie willst du dich mit Gott vereinigen“, fragte da die Maus, „wenn du nicht einmal mit mir einig wirst?“

 (Zitiert aus Thorwald Dethlefsen)

Genauso kann es uns auch in unseren menschlichen Beziehungen gehen, und zwar umso mehr, als es nahe und nächste Beziehungen sind. Trefflich hat das vor bald fünfzig Jahren ein damaliger guter Freund von mir in einem Gedicht beschrieben:

Ist es nicht traurig? Als wir beide litten,
Da wollten wir uns einend erst umfassen

Und hofften Trost und haben dann: gestritten,
Unwillig Eins vom Andern abgelassen,
Und musste jedes doch sich selber hassen.
Die Maske fiel. Du also! Dein Gesicht
Spiegelte meins. Ich log: „Ich kenn dich nicht.“

(Friedrich Martin Saurer) 

Wie praktizieren wir den Weg mit Herz in der Erziehung unserer Kinder? Wie können wir unsere Kinder auf den Weg mit Herz führen? Sicher eine Frage, die alle Eltern beschäftigt und auch immer wieder stark herausfordert. Ein tibetischer Lama gab einem Elternpaar dazu den folgenden Rat:

Als Kalu Rimpoche, ein alter tibetischer Lama, Eltern mit einem zweijährigen Kind besuchte, fragten die Eltern: „Magst du uns bitte sagen, wie man den Kleinen erzieht, damit er spirituell und weise, ein Kind voller Mitgefühl, ein guter Mensch wird?“
Der Lama schüttelte seinen Kopf und sagte: „Ihr habt eine falsche Vorstellung. Er wird sich zu dem entwickeln, der er sein wird. Wollt ihr jemand richtig erziehen, dann erzieht euch. Ihr könnt euch mit aufrichtigem Herzen erziehen, und dann wird er es spüren.“

Wie denken wir eigentlich? Nur rational, verstandesmässig, geschäftsmässig, gewinnorientiert, oder auch beziehungsmässig und herzhaft?

C.G. Jung berichtet in seinen Lebenserinnerungen von einer Begegnung mit dem Pueblo-Häuptling Ochwiä Biano, der sich verwirrt zeigt über die rationale Denkweise des weissen Mannes:

„Sieh wie grausam die Weissen aussehen. Ihre Lippen sind dünn, ihre Nasen spitz, ihre Gesichter sind von Falten gefurcht und verzerrt, ihre Augen haben einen starren Blick, sie suchen immer etwas. Was suchen sie? Die Weissen wollen immer etwas, sie sind immer unruhig und rastlos. Wir wissen nicht, was sie wollen. Wir verstehen sie nicht. Wir glauben, dass sie verrückt sind.“
Ich fragte ihn, warum er denn meine, die Weissen seien alle verrückt.
Er entgegnete: „Sie sagen, dass sie mit dem Kopf denken.“
„Aber natürlich. Wo denkst du denn?“ fragte ich erstaunt.
„Wir denken hier“, sagte er und deutete auf sein Herz.
Zum ersten Mal, so schien es mir, hatte mir jemand ein Bild des wirklichen weissen Menschen gezeichnet.

Wenn wir auch mit dem Herzen denken und nicht nur mit dem Kopf, dann können wir unsere Mitmenschen besser verstehen und Gleichgültigkeit, Verachtung und Verurteilung finden ein Ende. Das ist so, weil das Herz die gegenseitige abhängige Bedingtheit erfühlt und nicht wie der Kopf sich in egozentrierten Illusionen verliert. Das Herz ist zur Liebe fähig. Thaddeus Golas sagt: 

Wie verwirrt, dumm oder lieblos uns andere Menschen auch erscheinen mögen, wir haben kein Recht, je anzunehmen, dass ihr Bewusstsein auf einer tieferen Ebene schwinge als unser eigenes. Sie könnten viel weitergehende Dimensionen der Liebe realisieren. Die Art, wie wir sie sehen, ist ein kleiner Massstab unser eigenen Schwingungsebene.

Eben die Menschen, die wir jetzt als vulgär, nicht erleuchtet, dumm, Absteller und Verrückte ansehen - gerade diese Menschen sind unsere Eintrittskarten ins Paradies, wenn wir lernen, sie und alle unsere Gefühle, die wir für sie haben, zu lieben. Und das ist alles, was wir zu tun haben - sie lieben. Wir mögen dieser Liebe Ausdruck verleihen oder nicht, wie wir wollen, und auf welche Art wir wollen. Aber wir  müssen sie so  sehen  und lieben, wie sie jetzt sind: genau wie wir auch uns selbst so lieben müssen, wie wir jetzt sind.

Es ist zwecklos, das Verhalten von irgend jemandem verbessern zu wollen. Wenn er wüsste, was er tut, würde er es nicht tun, ganz gewiss, aber er ist ebensogut imstande wie wir, es zu wissen. Wenn er es nicht aus seinem eigenen freien Willen heraus sieht, ist es dann wahrscheinlicher, dass er dies tut, wenn wir es ihm sagen? Indem wir ihm seine Freiheit verweigern, sich auf dem Holzweg zu befinden, sind wir selbst auf dem Holzweg.

Andern die Freiheit zum Dummsein zuzugestehen, ist einer der wichtigsten und schwierigsten Schritte auf dem Weg zum geistigen Fortschritt. Wie praktisch, dass wir die Gelegenheit, diesen Schritt zu tun, jeden Tag rings um uns herum haben.

Ja, das geistige Herz ist es, das ich finden muss. Meine Liebesfähigkeit. Mein Mitgefühl für die Mitmenschen und für alle Lebewesen. Und nicht zuletzt auch den liebevollen und barmherzigen Umgang mit mir selber. Mit meinem Erleben von Befähigung und Schwachheit, von Mangel und Fülle.

So stark muss ich erst einmal werden,
dass ich schwach sein kann,
ohne es als Schwäche zu empfinden.
(Hans-Joachim Eckstein)

Die Liebe muss ich finden. Die Güte. Nicht das Begehren, nicht die Leidenschaft. Nichtsdestotrotz werden die ersten Regungen, die mir aus dem neu gefundenen Herzen entgegenwehen werden, genau diese sein: Gier und Hass. Wollen und Nichtwollen. Heranziehen und Wegstossen. Und was ist es, das ich an mich ziehen und festhalten oder nicht an mich heranlassen und von mir wegstossen will? Es ist das Leben. Konkret: Mein Erleben. Das, was an den Toren meiner sechs Sinne auftaucht als scheinbar äussere, von mir unabhängige Wirklichkeit (vorwiegend bezüglich der fünf Körpersinne) oder als scheinbare Identität mit meinem Ich oder Selbst (vorwiegend die Inhalte des Geistsinns).

Das Leben also wollen wir festhalten oder nicht an uns heran lassen. So wird es allerdings hinfällig, überhaupt den Gedanken zu erwägen, es lasse sich ein Weg des wahren Lebens finden. Denn das wahre Leben geschieht nicht jenseits und nicht unabhängig vom profanen Leben.

Wenn du das Leben, das sich als Welt in deinen fünf Körpersinnen spiegelt, nicht anzunehmen und in seiner Soheit zu akzeptieren bereit bist, dann bist du auch nicht bereit für eine höhere, bewusstere Art und Weise des Lebens und Erlebens.

Ebenso, wenn du das, was sich dir als Leben ereignet, festhalten möchtest, auch dann bist du nicht bereit seine Soheit zu akzeptieren. Denn zur Soheit des Lebens gehört das Sterben, das Vergehen alles konkreten Erlebens.

Und wenn du das Leben, das sich als dein vermeintliches Selbst in Form von Gedanken, Plänen, Sorgen, Bildern, Träumen, Gefühlen, Emotionen, Willensregungen und Bewusstsein in deinem Geistsinn abspielt, nicht anzunehmen und in seiner Selbstlosigkeit zu erkennen bereit bist, auch dann bist du noch nicht bereit für eine höhere, bewusstere Art und Weise des Wirkens und Erlebens. Jetzt wird es schon langsam schwierig, oder? Beginnen wir also noch mal von vorne. So schwierig ist es nämlich doch nicht.

Den Weg mit Herz gehen, das bedeutet, auf das konkrete Erleben, das dir hier und jetzt widerfährt, nicht mit anklammern oder wegstossen zu reagieren, sondern mit mitfühlendem Wohlwollen sein Entstehen und Vergehen, sein Kommen und Gehen zu akzeptieren.

Wir werden also jeden etwa auftauchenden Ärger und jede andere Herzensregung des Festhaltens oder Wegstossens mitfühlend und wohlwollend an der Hand nehmen und so, als Freund unserer Herzensregung, nicht als ihr Feind, mit dem Ärger (oder was es sonst auch sei) zusammen den Weg mit Herz betreten.

Wir wollen nicht die Feinde sein unseres Erlebens, das heisst, der vermeintlichen Welt, die wir erleben. Ebensowenig wollen wir die Feinde unserer selbst sein, also unseres vermeintlichen Ich-Erlebens.

Warum spreche ich von einer vermeintlichen Welt? Weil wir normalerweise unreflektiert vermeinen, das, was wir als äussere Welt wahrnehmen, hätte mit uns selber nichts zu tun.

Wir erkennen und anerkennen nicht die Tatsache, dass die Welt durch unser individuelles Fühlen und Wahrnehmen, sowie durch die darauf folgende emotionale Reaktion und durch das Bewusstsein gefiltert, von jedem von uns vollständig individuell erlebt wird, wir also keineswegs dieselbe Welt erleben.

Die Welt, die wir erleben, ist stets subjektiv erlebt, ganz einfach deshalb, weil sie von einem Subjekt erlebt wird. Die Welt, das ist unser Erleben.

Und wir erkennen und akzeptieren weiterhin nicht die Tatsache, dass unser Erleben, also eben die vermeintliche Welt, die wir erleben, von uns selber erwirkt worden ist, nämlich genau dadurch, dass wir bestimmtes Erleben an uns ziehen und festhalten und anderes Erleben nicht an uns heranlassen und von uns wegstossen wollen.

Diese Triebkräfte von Gier und Hass im Verbund mit Verblendung oder Unwissenheit über die wahre Natur des Lebens, sie sind die Schöpfer unserer Welt, das heisst unseres Erlebens.

Je mehr wir auf unser selbstgeschaffenes Erleben mit Gier und Hass und Selbstsucht reagieren, umso stärker wird die Welt, die wir erleben eine Welt der Gier, des Hasses und der Selbstsucht sein.

Grund genug, diesen herkömmlichen, uns selbst und unsere Mitmenschen unter Gier, Hass und Egoismus versklavenden Weg des Lebens zu verlassen und den Weg mit Herz unter die Füsse zu nehmen.

Es gibt keine Pflicht und keinen Zwang zur Weisheit und zum Gehen des Weges des wahren Lebens. Solange wir nicht die Schönheit und den wirklichen Wert der Wahrheit sehen und erleben können, solange helfen auch nicht Gebote und Überredungsversuche weiter.

Das, was uns befähigt, sowohl zu unseren eigenen Schwächen und Fehlern zu stehen, als auch ohne Überheblichkeit unsere Fähigkeiten und Stärken zu kennen, das nennt der Buddha die Nicht-Ich-Erkenntnis. Wir werden darauf noch eingehender zu sprechen kommen.

Wir haben uns also entschieden, den Weg mit Herz zu gehen. Das Gehen des Weges mit Herz belohnt uns mit dem Erleben von Freundschaft. Auf jeden Fall werden wir uns selber mehr und mehr als Freund, als Freundin, unserer Mitmenschen und Mitwesen erleben, da wir selber gegen niemanden feindlich gesinnt sein werden.



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