Gemeinschaft

  



Wo aber keine Gemeinschaft ist,

da kann auch keine Freundschaft sein.

(Platon)


Wenn wir uns in zwischenmenschlichen Situationen nicht bedroht fühlen, ist es leichter, Empathie, Güte und Echtheit an den Tag zu legen. Und wir fühlen uns nicht bedroht, wenn wir eine zuverlässige subjektive Ausgangslage haben, die uns ermöglicht, gefahrlos auch das zu tun, was gewöhnlich von anderen ausgenützt wird. So prägen wir sachte zunehmend echte zwischenmenschliche Beziehungen, die frei von Kampf, Gehorsam und blindem Glauben sind und vielmehr auf gegenseitigen Respekt, Vertrauen und edler Freundschaft basieren. „Edle Freundschaft“ ist die genaue Übersetzung von Kalyana Mittatta, der Bezeichnung für die Beziehung zwischen dem Abhidhamma-Lehrer und seinem Schüler. Der Edle Freund leistet seinem Pfad-Gefährten dadurch Beistand, dass er dessen Bedürfnisse und Neigungen achtsam respektiert, ihm sein Können zur Verfügung stellt und ihm persönliche Rückmeldungen (Feedback) anbietet.

(Mirko Frýba)


Unsere Gemeinschaft edler Freunde entsteht und besteht durch das gemeinsame Praktizieren von Achtsamkeit & Intuition, von Stille und Präsenz mit Herz. Diese Praxis
beginnt, wie wir gesehen haben, mit der Achtsamkeit auf den Atem und führt über das Gewahrsein der jeweiligen Körperhaltung und wissensklarer körperlicher Aktivität zu einer klaren und unverfälschten Wahrnehmung der Gefühle und der vielgestaltigen Geisteszustände und Geistinhalte.

Sinn und Ziel der gesamten Praxis bestehen in der Realisation der vier existenziellen Wahrheiten, diese sind die Wahrheit von der Leidunterworfenheit allen Lebens, die Wahrheit von der Entstehung des Leidens durch Ergreifen und Festhalten von Leidunterworfenem, die Wahrheit vom Erlöschen des Leidens durch Nichtergreifen und Loslassen des Leidunterworfenen und die Wahrheit von der Praxis des Loslassens und Nichtergreifens.

Die Praxis wird traditionell als in drei Bereichen der Geistesentfaltung bestehend gelehrt: in der Entfaltung ethischen Verhaltens, der Entfaltung meditativer Konzentration und der Entfaltung meditativer Einsicht. Diese drei bedingen sich gegenseitig: ethisches Verhalten ermöglicht meditative Konzentration, meditative Konzentration ermöglicht meditative Einsicht, meditative Einsicht verstärkt ethisches Verhalten, usw.

Anstelle von Sittlichkeit, Tugend oder Ethik spreche ich gerne von Freundschaft – als dem „Lohn“ für das Gehen des Weges mit Herz, anstelle von Sammlung oder Konzentration von Frieden – als dem „Lohn“ für das Praktizieren der Kraft der Stille, und anstelle von Erkenntnis, Wissen oder Einsicht von Freiheit – als dem „Lohn“ für das Zulassen des Wirkens der Präsenz.

Der Atem dient uns als Ausgangspunkt unserer Praxis der Leidbefreiung. Er dient uns auch als Rückzugsort, wenn wir grossen Schwierigkeiten ausgesetzt sind und es notwendig und hilfreich ist, dass wir uns zunächst neu in uns selber sammeln.

Die Achtsamkeit auf den Atem ist das Fundament unserer gesamten Praxis der Leidbefreiung und verdient daher die dem Bau eines Fundamentes entsprechende Sorgfalt und Wissensklarheit. Auf dieses Fundament kommt ein hoher Bau zu stehen, der nur dann stehen bleiben kann, wenn das Fundament entsprechend stark und sicher gebaut ist. Gegenüber einem Hausbau haben wir allerdings den Vorteil, dass das Höherbauen an unserem Haus der Leidbefreiung jederzeit zugunsten einer Weiterarbeit an der Verstärkung des Fundamentes unterbrochen werden kann.

Das starke, sichere Fundament ist der Frieden. Das Bauen am Fundament bezeichne ich als Befrieden. Die Übung der Achtsamkeit auf den Atem ist eine Übung, die den ganzen Menschen, Körper, Herz und Geist, befriedet. Ein Mensch, der inneren Frieden hat, wirkt auch auf seine Umwelt befriedend.

Ein weiterer Aspekt der Praxis der Leidbefreiung besteht in der Freiheit. In unserem Bild entspricht das der Parterre-Wohnung des Hauses. Das Bauen an dieser Wohnung nenne ich das Befreien. Es ist das Befreien des Menschen von den ihn in Gefangenschaft und Sklaverei haltenden Trieben.

Die Triebe äussern sich im Menschen als gieriges, hassvolles und egoistisches Verhalten. Ein Mensch, der sich darin übt, solches Verhalten zu vermeiden und zu überwinden, wirkt sowohl Befreiung für sich selber als auch befreiend auf seine Umwelt.

Ist die Körperachtsamkeit (Achtsamkeit auf den Atem, die Körperhaltungen und die körperlichen Aktivitäten) gut fundiert, dann kann auf dieser Grundlage die Achtsamkeit auf die Gefühle, die Geisteszustände und die Geistinhalte geübt werden. Ob angenehm oder unangenehm, leidverursachend oder leidbefreiend, sie werden alle achtsam wahrgenommen wie sie sind und als das benannt, was sie sind: lustvolle Gefühle als lustvoll, schmerzliche als schmerzlich, triebhafte Geisteszustände als triebhaft, triebfreie als triebfrei, leidverursachende Gedanken als leidverursachend, leidbefreiende als leidbefreiend.

Da alle Lebewesen und so auch wir Menschen Glück und Wohl suchen und Unglück und Leiden vermeiden wollen, führt diese Übung gewaltfrei und zwanglos zum Vermeiden und Überwinden des Leidverursachenden und zum Entfalten und Erhalten des Leidbefreienden. Es braucht dazu tatsächlich nichts weiter als ein klares und vorurteilfreies Benennen dessen, was wirklich ist. Wird nichts verdrängt, nichts verleugnet, nichts verdammt aber auch nichts beschönigt, dann geschieht Befreiung.

Der dritte Aspekt der Praxis der Leidbefreiung, der oberste Stock in unserem Bild vom Hausbau, besteht schliesslich in der Freundschaft. Ein in sich befriedeter und von egoistischer Gier und Hass freier Mensch ist zur Freundschaft fähig und sein Anliegen ist es, sich mit sich selber, mit seiner gesamten geistig-körperlichen Existenz und mit allen Lebewesen zu befreunden.  

Je mehr die im Egoismus wurzelnde Friedlosigkeit und Unfreiheit schwindet, umso stärker kann das tiefe Wohlwollen und Mitgefühl des Freundes allem Leben gegenüber zum Vorschein kommen und zum tragenden Charakterzug werden. Und je mehr Freundschaft erlebt wird, umso mehr Frieden und Freiheit werden möglich.

Befriedend, befreiend und befreundend atmen, so kann der Sinn der in diesem Buch erläuterten spirituellen Praxis beschrieben werden. Es gibt zweifellos viele Wege, über die der Mensch zu Frieden, Freiheit und Freundschaft gelangen kann. Ebenso zweifellos ist unser Weg einer dieser Wege.

Kommen wir von unserem Bestreben, Freund oder Freundin allen Lebens zu sein zurück zur ursprünglichen Definition des sittlichen oder ethischen Verhaltens, dann sehen wir, dass ein wohlwollendes und mitfühlendes Herz – und das ist das Herz des Freundes, der Freundin – dieses ethische Verhalten ganz freiwillig und ohne Zwang wie von selber lebt. Das wohlwollende, mitfühlende Herz des Freundes, der Freundin, ist zu einem leidverursachenden unethischen Verhalten schlicht nicht fähig.

Es spielt keine Rolle, über welchen der drei Bereiche ein Mensch den Einstieg in die leidbefreiende Lebensweise findet: Der Weg kann über die Freundschaft beginnen und von dort zu Frieden und Freiheit führen, er kann im Erleben von innerem Frieden beginnen und über geistige Befreiung im Erleben von Freundschaft münden und er kann ebenso mit dem Erleben von Befreiung (zum Beispiel aus einem Suchtverhalten) beginnen, dadurch Freundschaft ermöglichen und zum Erleben von tiefem Frieden fortschreiten.

Nicht möglich ist, dass nur einer dieser Bereiche praktiziert wird, ohne Berücksichtigung der anderen zwei. Es ist kein echter Friede möglich ohne gleichzeitige Freiheit und Freundschaft. Ebensowenig gibt es echte Freundschaft unabhängig von Frieden und Freiheit, und auch echte Freiheit ist nur möglich im Kontext von Frieden und Freundschaft.

Am harmonischen Leben und Erleben von Frieden, Freiheit und Freundschaft werden der erwachende und, als dessen Höhepunkt, der vollständig erwachte Mensch offenbar. Für Mitmenschen am deutlichsten sichtbar ist hierbei das ethische Verhalten eines Menschen.

Frieden, Freiheit, Freundschaft werden jedoch nicht erlangt durch krampfhaftes Fixiertsein auf die fünf Prinzipien, wo aber die Leidbefreiung praktiziert wird, da werden Gewaltlosigkeit, Respekt vor fremdem Eigentum, Wahrheitsliebe, Sexuelle Integrität und Bewusstseinsklarheit im Leben der Praktizierenden sichtbar werden.   

Der Prozess der Leidbefreiung vollzieht sich über drei Stufen, die erste bedeutet das rein theoretische, intellektuelle Verständnis der vier Wahrheiten. Die zweite meint das tiefe, meditative (intuitive) Verstehen durch inneren Nachvollzug und direkte Schau (das „Sehen“) der vier Wahrheiten. Die dritte Stufe ist schliesslich die fortschreitende Verwirklichung des intuitiv Erkannten und visionär Geschauten in der eigenen Erlebenswirklichkeit.

Bezüglich der zweiten und dritten Stufe spreche ich gerne von Realisation, denn in diesem Wort sind beide Bedeutungen vertreten: Realisation des Pfades der Leidbefreiung im Sinne von Erkennen (erlebte Erkenntnis, erkanntes Erleben) und Realisation des Erkannten in dem Sinne, dass es verwirklicht (oder aktualisiert) wird. Es ist das Erwachen aus Illusion durch realisieren der Realität in einem umfassenden und ganzheitlichen Sinn.

In Gemeinschaft zu leben bedeutet mit sich selber und mit allen Lebewesen in Frieden, Freiheit und Freundschaft zu leben. Auf dem Weg mit Herz in der Kraft der Stille das Wirken der Präsenz zuzulassen, ist die Lebensweise, die dieses Gemeinschaftserleben möglich macht.


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