Gefühl und Emotion

 

Gefühl ist die Wahrnehmung des Augenblicks.

(Erhard Blanck) 

Intensive Emotionen verzerren unsere Wahrnehmung.

(Dalai Lama)

 

Ich zitiere (ein wenig gekürzt) Nyanaponika aus Im Lichte des Dhamma:

"Gefühl ist alles!" lässt Goethe seinen 'Faust' sagen. Und wenn diese Worte auch ziemlich überschwänglich sind, so weisen sie doch auf die Tatsache hin, dass das Gefühl eine Schlüsselstellung im menschlichen Leben einnimmt. Ob sich die Menschen dessen ganz bewusst sind oder nicht: Sie verbringen ihr Leben hauptsächlich in dem nie endenden Bemühen, ihre angenehmen Gefühle zu vermehren und unangenehme Gefühle zu vermeiden. Alle menschlichen Wünsche und Bestrebungen dienen diesem Zweck, von den einfachen Freuden einer stumpfsinnigen Existenz bis zum Machttrieb des Mächtigen und der schöpferischen Freude des grossen Künstlers. Alles, was man sich wünscht, sind immer mehr angenehme Gefühle, weil sie emotionale Befriedigung, Glück genannt, mit sich bringen. Solches Glück kann verschiedene Stufen der Grobheit oder der Verfeinerung haben, und es kann sich zu höchster Intensität steigern. Diese Emotionen werden ihrerseits viele Willensakte und deren Manifestationen hervorrufen. Um dem "Lustprinzip" Genüge zu tun, sind viele heroische Taten vollbracht und noch viel mehr unheroische und skrupellose verübt worden. Um Mittel zur Erzeugung angenehmer Gefühle zur Verfügung zu stellen, sind Tausende von Branchen und Diensten entstanden, die Millionen Arbeiter beschäftigen. Technik und angewandte Wissenschaf-ten dienen ebenfalls im grossen Umfang dem wachsenden Verlangen nach Sinnesfreuden und Bequemlichkeit. Indem sie fragwürdige Fluchtwege weisen, versuchen diese Lieferanten emotionalen und sinnlichen Glücks schmerzliche Gefühle wie Furcht und Angst zu zerstreuen.

Doch ist das Gefühl an sich, in seiner ursprünglichen Erscheinung, völlig neutral, wenn es die Einwirkung eines Objektes als angenehm, unangenehm oder neutral registriert. Erst wenn emotionale und willentliche Ergänzungen zugelassen werden, entstehen Wunsch und Liebe, Abneigung und Hass, Angst, Furcht und verzerrende Anschauungen. Aber das muss nicht so sein. Diese Ergänzungen sind keine untrennbaren Bestandteile der jeweiligen Gefühle. Tatsächlich bleibt es bei vielen der schwächeren Eindrücke, die wir im Laufe des Tages aufnehmen, beim blossen Registrieren oder bei einem sehr schwachen und kurzen Gefühl, ohne dass weitere emotionale Reaktionen auftreten. Dies zeigt, dass ein Anhalten beim reinen Gefühl psychologisch möglich ist und dass dies mit Hilfe der Achtsamkeit und der Selbstbeherrschung absichtlich bewirkt werden kann, selbst wenn der Reiz, Gefühle in Emotionen umzuwandeln, stark ist. Aufgrund konkreter Erfahrungen kann deshalb festgestellt werden, dass das sich immer drehende Rad der Bedingten Entstehung (Anm: des Leidens) am Gefühlspunkt angehalten werden kann und keine unabänderliche Notwendigkeit besteht, dass dem Gefühl das Begehren folgt.

Hier begegnen wir dem Gefühl als einem Schlüsselfaktor auf dem Pfad der Befreiung, und deshalb ist die Betrachtung des Gefühls in der buddhistischen Tradition immer als eine wirksame Hilfe auf diesem Pfad sehr geschätzt worden.

Die Betrachtung des Gefühls ist eine der vier Grundlagen der Achtsamkeit, und sie kann im Rahmen dieser Meditationspraxis mit dem Ziel ausgeübt werden, die Einsicht  wachsen zu lassen. Es ist jedoch wichtig, dass man sich an diese Betrachtung auch im täglichen Leben erinnern und sie anwenden sollte, und zwar immer dann, wenn Gefühle dazu neigen, sich in unheilsame Emotionen zu verwandeln. Natürlich sollte man nicht versuchen, absichtlich in sich selbst Gefühle hervorzurufen, nur um die Gefühlsbetrachtung vornehmen zu können; vielmehr sollten sie zur achtsamen Betrachtung nur herangezogen werden, wenn sie auftreten. Es wird viele solcher Gelegenheiten geben, vorausgesetzt, der Geist ist scharf und ruhig genug, um die Gefühle in ihrem Anfangsstadium klar zu erkennen.

Bei der Betrachtung der Gefühle sollte zunächst eine achtsame Klarbewusstheit der Gefühle bei ihrem Entstehen vorhanden sein, und man sollte sie deutlich als angenehm, unangenehm (schmerzhaft) oder neutral unterscheiden. So etwas wie "gemischte Gefühle" gibt es nicht.

Die Achtsamkeit sollte während der kurzen Dauer dieses bestimmten Gefühls bis zu seinem Vergehen beibehalten werden. Wird der Punkt, an dem Gefühle vergehen, wiederholt mit zunehmender Klarheit erkannt, so wird es viel leichter sein, die Emotionen, Gedanken und Willensregungen aufzugreifen und schliesslich zu stoppen, die normalerweise so rasch den Gefühlen folgen, mit denen sie oft durch Gewöhnung verbunden sind.

Angenehmes Gefühl ist gewohnheitsmässig mit Freude und Begehren verbunden, unangenehmes Gefühl mit Abneigung, neutrales Gefühl bewirkt Langeweile und Unklarheit, bildet aber gleichzeitig den Hintergrund für falsche Anschauungen. Wenn jedoch die reine Aufmerksamkeit auf das Entstehen und Vergehen der Gefühle gerichtet wird, dann werden diese verunreinigenden Zusätze ferngehalten; wenn sie aber doch in Erscheinung getreten sind, dann werden sie sofort in ihrer wahren Natur erkannt, und oft reicht diese Erkenntnis schon aus, um sie daran zu hindern, nur deshalb weiter anzuwachsen, weil ihnen kein Widerstand entgegengesetzt wird.

Wenn man die Gefühle in ihrem blasenähnlichen Aufblähen und Zerplatzen sieht, dann wird ihre Verbindung mit dem Begehren oder der Abneigung mehr und mehr geschwächt, bis schliesslich die Fessel endgültig zerrissen ist. Durch diese Praxis wird das Anhaften an Erwünschtem und Unerwünschtem vermindert werden, und dadurch wird ein innerer Raum geschaffen, in welchem die feineren Emotionen und Tugenden zunehmen können, nämlich Güte und Mitleid, Zufriedenheit, Geduld und Nachsicht. 

Bei dieser Betrachtung ist es von besonderer Bedeutung, die Gefühle auch von den schwächsten "Ich"- oder "Mein"-Gedanken zu trennen. Es sollte keinen Ego-Bezug geben, indem man zum Beispiel denkt: "Ich fühle (also bin ich)." Auch sollte es keinen Gedanken geben, man sei der Eigentümer dieser Gefühle, indem man sich sagt: "Ich habe angenehme Gefühle. Wie glücklich bin ich!" Mit dem Gedanken: "Ich möchte mehr von ihnen haben!" entsteht Begehren. Wenn man sich aber sagt: "Ich habe Schmerzen. Wie unglücklich bin ich!" und dabei wünscht, die Schmerzen loszuwerden, dann entsteht Abneigung.

Diese falschen und unrealistischen Anschauungen vermeidend, sollte man sich der Gefühle als eines bedingten und vergänglichen Prozesses bewusst sein. Die Achtsamkeit sollte beibehalten werden, und sie sollte auf die blosse Tatsache gerichtet sein, dass dort nur die geistige Funktion eines Soundso-Gefühls ist, und diese Bewusstheit sollte keinem anderen Zweck dienen als dem des Wissens und der Achtsamkeit. Solange man gewohnheitsmässig die Gefühle mit einer Person in Verbindung bringt, die sie "hat", und dies auch während der Meditation tut, solange wird es keinerlei Fortschritt bei dieser Betrachtung geben.

Sich der Gefühle ohne Ego-Bezug bewusst zu sein, wird auch dazu beitragen, sie sowohl klar von den physischen Reizen zu unterscheiden, die sie hervorgerufen haben, als auch von den auf sie bezogenen nachfolgenden geistigen Reaktionen. Dadurch wird der Meditierende imstande sein, seine Aufmerksamkeit ausschliesslich auf die Gefühle gerichtet zu halten, ohne in andere Bereiche abzuschweifen.

Weiterer Fortschritt erfordert jedoch Beharrlichkeit bei der achtsamen Beobachtung des Entstehens und Vergehens jedes Augenblicks des Fühlens, wann immer es auch in Erscheinung tritt. Dies wird zu einer vertieften Erfahrung der Unbeständigkeit führen, was eines der Haupttore zur endgültigen Befreiung ist. Wenn während der Klarblicksmeditation der Augenblick des Verschwindens der Gefühle stärker hervortritt, wird sich die unbeständige Natur der Gefühle selbst sehr tief in den Geist des Meditierenden einprägen. Wenn der Meditierende diese Stufe erreicht, wird er auf der Strasse zu weiterem Fortschritt vorankommen.

Im Rahmen der Klarblicksmeditationspraxis kann die Betrachtung der Gefühle ihre ganze Kraft als ein wirksames Mittel entfalten, um die Leidenskette an ihrem schwächsten Glied zu zerbrechen. Aber aus dieser Betrachtung können auch beträchtliche Vorteile von denen gewonnen werden, die in ihrem täglichen Leben ihren Gefühlen und Emotionen nur einige ruhige Reflexionen widmen, selbst wenn dies im Rückblick geschieht. Sie werden nämlich bald feststellen, dass Gefühle und Emotionen "trennbar" sind. Selbst diese reflektierende und rückwärts-schauende Betrachtung kann ihnen zu einer grösseren Bewusstheit der Gefühle und Emotionen in den Augenblicken verhelfen, wenn sie gerade auftreten. Dies wiederum kann sie davor bewahren, von emotionalen Querströmungen der Hochstimmung und der Niedergeschlagenheit fortgerissen zu werden. Der Geist wird dann allmählich höhere Ebenen der Standhaftigkeit und Ausgeglichenheit erreichen, und zwar durch den einfachen Vorgang des Schauens oder des Zurückschauens auf die eigenen Gefühle und Emotionen.

Dies jedoch sollte nicht und braucht nicht zu einer ständigen Übung gemacht zu werden, vielmehr sollte es bei passenden Gelegenheiten und für einen begrenzten Zeitraum geschehen, bis einem der Mechanismus der Gefühle, denen die Emotionen folgen, vertraut geworden ist. Ein solches Verständnis des Prozesses wird eine zunehmende Kontrolle über die eigenen emotionalen Reaktionen zur Folge haben, und dies wird auf natürliche, spontane Weise geschehen. Man braucht keine Angst davor zu haben, dass die Konzentration des Geistes auf die Gefühle und Emotionen in der Art, wie es hier beschrieben worden ist, zu kühler Unnahbarkeit oder emotionalem Rückzug führen wird. Im Gegenteil: Geist und Herz werden sich weiter öffnen für die feineren Emotionen, von denen zuvor schon die Rede war. Weder werden warme menschliche Beziehungen ausgeschlossen sein noch die Freude an der Schönheit von Kunst und Natur. Stattdessen wird das Fieber des Anhaftens beseitigt werden, so dass diese Erfahrungen eine tiefere Befriedigung bringen werden, soweit diese Leidens-Welt das zulässt. 

In einem Leben, das auf diese Weise gelebt wird, mag der Wunsch heranreifen, die Betrachtung der Gefühle für das höchste Ziel einzusetzen: für die endgültige Befreiung des Geistes vom Leiden.




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