Das Spiel des Gehens

 

Kommen heisst Gehen.

(Manfred Hinrich)

 


Gehen heisst Kommen: Indem wir den gehenden Körper achtsam und klarbewusst beobachten, kommen wir in der Gegenwart des gehenden Körpers an.

Wir empfinden die Vibrationen im inneren des Körpers, die mit dem Gehen zusammenhängen. Muskeln, Gelenke, Tastempfindungen zwischen den Füssen und der Erde.

Das Gehen erdet uns: Jedes Heben des Fusses ist, als ob wir eine Wurzel aus der Erde ziehen würden und jedes Aufsetzen des Fusses ist, als würde eine Wurzel sich tief ins Erdreich graben. Der Körper als ein gehender Baum.

Wir lassen den Körper so gehen, wie er gerne gehen möchte, langsam oder schnell, rennend oder hüpfend: Der Körper selber weiss, welche Art der spielerischen Vorwärtsbewegung ihm jetzt gerade gut tut. Wir lassen ihn gehen.

Eine der schönsten Arten des Sich-Gehen-Lassens – und zudem die gesündeste und das Immunsystem stärkende – ist das Wandern.

 



Ich lebe im Emmental an einem wunderschönen Ort, mitten in der Natur, umgeben von Wäldern und Hügel. Bei einigermassen gutem Wetter unternehme ich fast täglich von zuhause aus kürzere bis lange (Tages-) Wanderungen. Ich empfinde es als ein grosses Privileg, hier leben zu können. In der Natur wurde mir erstmals – und wird mir immer wieder neu – erlebnismässig klar, was der buddhistische Begriff Dhamma (pali; sanskrit: Dharma) eigentlich bedeutet. Wörtlich übersetzt ist Dhamma das Tragende.  Der buddhistische Meditationslehrer  Buddhadasa Bhikkhu erklärte dazu:

Leben, besonders von der Warte des Dhamma aus gesehen, ist eine Sache der Natur. Natur bedeutet in diesem Zusammenhang etwas, das in sich, an sich, aus sich selbst heraus und als sein eigenes Gesetz existiert. Diesem Naturverständnis zufolge steht Natur nicht, wie es im Westen manchmal gesehen wird, dem Menschen gegenüber, sondern beinhaltet den Menschen und alles, was er tut und erlebt. Folglich müssen wir, um Dhamma verstehen zu können, das Geheimnis der Natur des Lebens verstehen.

Buddhadasa Bhikkhu nennt dann vier Aspekte des Dhamma des Lebens:

1. die Natur an sich
2. das Gesetz der Natur
3. die Aufgabe, das Wirken des Gesetzes der Natur in 
uns zuzulassen
4. die Freiheit, die uns aus der Erfüllung dieser Aufgabe erwächst

Wo kann uns das alles deutlicher werden, als in der freien Natur selber? Gerne lasse ich mich auf meinen Wanderungen von interessierten Einzelpersonen begleiten. Im direkten Kontakt mit der Natur können wir das Geheimnis des Lebens verstehen lernen.

Aus solchem erkannten Erleben wiederum wird uns ein unerschütterliches Vertrauen ins Leben  erwachsen, ein Vertrauen ins Leben in seiner Ganzheit, in Geborenwerden und Sterben, in Lust und Schmerz, Freude und Leid, Gewinn und Verlust, Lob und Tadel, in alle die vermeintlichen Gegensätze des Seins, die in Wirklichkeit nie Gegensätze, sondern immer schon Ergänzungen waren.


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