Stille und Präsenz mit Herz

 

Zum Buch



Der Mensch spielt nur, wo er

in voller Bedeutung des Wortes

Mensch ist, und er ist nur da

ganz Mensch, wo er spielt.

Friedrich Schiller

 


Wenn du das Spiel nicht ernst nimmst, dann macht das Spielen, zumindest für deine Mitspieler, keine Freude.

Ein Spieler, der sein Spiel nicht ernst nimmt, ist für alle seine Mitspieler ein Spielverderber.

Wenn du das Spiel aber zu ernst nimmst, auch dann macht das Spielen, nun vor allem dir selber, keine Freude.

Ein Spieler, der sein Spiel zu ernst nimmt, ist sich sein eigener Spielverderber.

Wenn du weder dir selber noch deinen Mitspielern ein Spielverderber sein willst, dann finde den Weg, auf dem du das Spiel des Lebens mit spielerischem Ernst ernsthaft zu spielen vermagst.

 

Inhalt (Themen des 7-Tage-Achtsamkeits-Retreats)

Vorspiele:                                                             

Das Spiel des Erdens

Das Spiel des Atmens

Das Spiel des Bewegens

Das Spiel des Tönens

Das Spiel des Essens

Das Spiel des Sitzens                             

Das Spiel des Gehens                                            

Das Spiel des Sehens

Das Spiel des Begegnens                      

Retreat-Spielregel                                

 

1. Tag: Der Weg mit Herz                               

             Ich suche den Schlüssel (Lied)           

             a) Verhalten                                          

                  - Gewalt                                           

                  - Besitz                                             

                  - Sexualität                                       

                  - Drogen                                           

                  - Sprache                                          

 

2. Tag: Die Kraft der Stille                              

             Das wahre Leben? (Lied)

             a) Wirklichkeitsverankerung               

                  - Suriya Namaskar –Sonnengruss   

                  - Achtsamkeit hier und jetzt            

                  - Benennende Achtsamkeit             

                  - Schweigende Achtsamkeit            

             Der Weg des Lebens (Lied)                  

 

3. Tag: Die Kraft der Stille                              

             Wach auf! (Lied)                                   

             b) Sinnesbereiche                                 

                  - Das Hüten der Sinnenpforten       

             Sonnengruss (Lied)                            

 

4. Tag: Der Weg mit Herz                             

             Ich weiss nicht was Liebe ist (Lied)   

 b) Herzenskultur                                 

             Sonntag (Lied)                                        

 

5. Tag: Das Wirken der Präsenz                  

             Mutter Erde (Lied)                              

             a) Gefühl und Emotion                       

             Hier und Jetzt (Lied)                          

 

6. Tag: Das Wirken der Präsenz                   

             Dem Leben vertrauen (Lied)               

             b) Selbstlose Bedingtheit                    

             Mein Leben (Lied)                              

 

7. Tag: Der Weg mit Herz                             

             c) Gemeinschaft                                  

             Frieden, Freiheit und Freundschaft (Lied)   

 

Nachspiel                                                         

 

Die 12 Lieder finden sich auf Youtube unter 

Ulrich und Nicole Kormann: Stille und Präsenz mit Herz 

Liedtexte & Akkorde


Vorspiele

 

Gelassenheit ist das Ziel der Philosophie,

die wir allerdings genauso wenig festhalten können wie den orgiastischen Augenblick.

Deshalb tasten wir uns immer wieder mit neuen Vorspielen an sie heran.

(Bernd Schüll)

 


Eigentlich kennt das Spiel des Lebens ja keine Vor- und Nachspiele: Jeder Atemzug, jedes tönende Wort, jede Bewegung und jede Begegnung ist bereits in sich selber das Spiel des Lebens.

Das unmittelbare authentische Spiel des Lebens kennt nur die Gegenwart und auch die im Geist aufscheinenden Vergangenheiten und Zukünfte finden im anfangs- und endlosen Spiel der stets gegenwärtigen Bewusstwerdungen statt.

Die nachfolgend kurz beschriebenen neun Spiele sowie das gesamte vorliegende Buch beziehen sich auf einen einwöchigen Kurs in Achtsamkeit und Intuition, wie er von meiner Frau Nicole und mir angeboten wird.

Auf dem Weg mit Herz in der Kraft der Stille das Wirken der Präsenz erleben zu können, das ist der Sinn des Lebensspiels. Möge dieser Sinn sich dir offenbaren und erschliessen!

Alles ist Spiel oder kann immerhin spielerisch verstanden und zum Spiel gemacht werden. Auch – und für einen Schreiberling wie mich (und vielleicht auch für eine Leseratte wie dich) gerade auch – die Sprache:

Der Weg mit Herz ist der Weg der Stille ist der Weg der Präsenz.
Die Kraft der Stille ist die Kraft der Präsenz ist die Kraft mit Herz.
Das Wirken der Präsenz ist das Wirken mit Herz ist das Wirken der Stille.

Oder:

Der Weg ist die Kraft.
Die Kraft ist das Wirken.
Das Wirken ist der Weg.

Ein gutes Spiel schliesst den Kreis zum Zeitlosen.


Das Spiel des Erdens

 

Die Erde ist nicht nur unser gemeinsames Erbe,

sie ist auch die Quelle des Lebens.

(Dalai Lama)

 

Der folgende (gekürzte) Text Das Erden stammt aus dem Buch Hara - Die Erdmitte des Menschen  von Karlfried Graf Dürckheim:

Am Anfang aller Übung, die dem inneren Weg dient, steht die "rückläufige Bewegung". Das ist die Bewegung, die aus der Verstiegenheit des Ichs, das auf der Leiter seiner Vorstellungen und Begriffe nach oben strebt und sich oben festhält, zurückführt, hinab in die alles wieder einschmelzende Tiefe des Ursprungs.

Der nur denkend sich besinnende Mensch sucht die Transzendenz immer nur "oben". Der unreflektierte Mensch weiss aber seit altersher und auch heute noch um eine Transzendenz "unten". Der vorwiegend vom Rationalen bestimmte Mensch sieht in der Natur des Menschen vor allem das Unberechenbare ihrer Impulse. Im ursprünglichen und unreflektierten Erleben aber zeigt sich etwas ganz anderes.

Wer sich aus der Hetze des Alltags und der Verstrickung in Pflichten, die die rationalen Kräfte des Denkens und Wollens übermässig belasten, im Erlebnis des Waldes, des Wassers oder der Berge von seinen Spannungen löst und aufjauchzt in der Beglückung der in ihm befreiten Natur, für den ist das "Herrliche", das er erlebt ein Wert von eigenem Rang und von numinosem Charakter. Er erfährt die Befreiung einer seiner Natur innewohnenden transzendenten Kraft ursprünglichen Lebens. Vermag es der Mensch, sich der in solchem Erleben aufbrechenden Tiefe zu überlassen, dann erfährt er eine Weitung seines Lebensgefühles, die ihn weit über die Grenzen seines gewöhnlichen Lebensgefühles hinausträgt. Und was immer die Grosse Natur im Menschen in ihrer Fülle entbindet, befreit auch, so weiss es im Grunde ein jeder, das in seinem Leiden gefangene Herz und erweckt auch den Geist zu einer eigenen Helle.

Das Wissen um die neumachenden Kräfte des ursprünglichen Lebens erwacht nicht nur in der Liebe zur freien Natur, die oft genug die letzte Zuflucht des in seiner Ichwelt gepeinigten Menschen ist. Das Wissen um die Reise nach unten, in das dunkle Reich der Erde, als Voraussetzung für die Erlösung vom Wahn und für den Durchbruch des Lichtes, ist ein fester Bestandteil der "Grossen Tradition" initiatischer Wege. Ihre Bedeutung für den Weg kann freilich erst dann sichtbar werden, wenn die heillose Trennung von Körper und Seele überwunden wird. Eine planmässige Arbeit am Transparentwerden des Menschen betrifft den Menschen sogar vor allem in dem ihn mit der Erde verbindenden Leib. Und so steht am Anfang aller Übung der Versuch, den Menschen im vollen Sinn des Wortes wieder zu erden.


Das Spiel des Atmens

 



Es ist und bleibt ein Glück,

vielleicht das Höchste,

frei atmen zu können.

(Theodor Fontane)

 


Ja, der Atem spielt, er spielt dasselbe Spiel das die Wellen der Ozeane an den Sandstränden einsamer Inseln spielen: Sie bauen sich auf und verebben, ein Kommen und Gehen, ein Heben und Senken.

So auch der Atem: Er strömt ein und aus, die Bauchdecke hebt und senkt sich. Wie als würde ich am Sandstrand sitzen und dem Kommen und Gehen der Wellen zuschauen, so kann ich dem Spiel des ein- und ausströmenden Atems innerlich zuschauen.  

Ich empfinde sein Wesen, seine Qualität, und wenn ich mich vollständig auf ihn einzulassen vermag, dann verschwindet alles Darumherum und nur noch das Entstehen und Vergehen des kontinuierlichen Ein- und Ausatmens ist als bewusstes Werden, als fliessendes Bewusstwerden, gegenwärtig.

Wenn das geschieht, entsteht eine stille Freude, eine innere Ruhe und Gestilltheit, der ich mich nun überlassen kann und die als Kraft der Stille zum Fundament des unmittelbar erlebten Wirkens der Präsenz zu werden vermag.

Eine der schönsten Beschreibungen der Atem-Meditation stammt von Stephen und Ondrea Levine in ihrem Buch In Liebe umarmen - der spirituelle Wegweiser für Liebende. Diese Anleitung zitiere ich hier:

Richte deine Aufmerksamkeit auf diesen Körper, in dem du sitzt. Führe das Gewahrsein auf die Ebene körperlicher Empfindung. Fühle, wie dieser Körper vor Empfindung vibriert. Einzelne Empfindungen stehen im Vordergrund. Da ist das Gefühl der Schwerkraft, die den Körper nach unten zieht, das Druckgefühl im Gesäss oder das Gefühl der Füsse, die zu Boden gezogen werden. Druck. Empfindung.

Den Atem spürt man im Körper. Die Brust dehnt sich bei jedem Einatmen aus – Empfindungen entstehen. Und bei jedem Ausatmen zieht sich die Brust zusammen.

Empfindungen steigen auf. Auch im Bauch – jeder Atemzug weitet und verengt ihn wieder. Mit jedem Einatmen hebt sich der Bauch. Empfindungen des Streckens oder Sich-Füllens. Mit jedem Ausatmen senkt sich der Bauch. Empfindungen des Sich-Leerens oder Loslassens. Der Bauch hebt und senkt sich. Empfindungen des Atems im Körper.

Jeder Atemzug ist voller Empfindungen. Von Moment zu Moment verändert sich ihr Strom, der jedes Einatmen, jedes Ausatmen begleitet. Das Gewahrsein zentriert sich im Bauch und erfährt Augenblick für Augenblick die Empfindung jedes einzelnen Atemzuges. Konstantes Gewahrsein, konstante Empfindungen im Bauch – während er sich füllt und während er sich leert.

Achtsames Atmen. Achtsames Atmen. Wenn der Geist von der Empfindung abschweift, dann führe ihn sanft zurück zur konstanten Ausbreitung des Empfindens – in jedem Einatmen, in jedem Ausatmen.

Entspanne den Bauch, um den Atem vollständig wahrzunehmen. Kontrolliere den Atem nicht. Erlebe ihn einfach als Empfindung im weichen Bauch. Entspanne den Bauch und erfahre in dieser Weichheit das Leben als Empfindung.

Wenn Gedanken erscheinen, dann lass sie kommen. Und lass sie gehen. Nur Seifenblasen, die in der Sanftheit schweben. Führe immer wieder das Gewahrsein zu den Empfindungen zurück, die jedes Einatmen, jedes Ausatmen begleiten.

Auch Erwartung kann den Bauch verhärten, kann den Gedanken und Empfindungen die Freiheit nehmen, einfach im Gewahrsein schweben zu können.

Angst. Stolz. Wut. Zweifel. Zustände des Geistes entstehen und vergehen in der unendlichen Sanftheit eines weiträumigen Gewahrseins. Kehre aufmerksam zu den Empfindungen zurück, die den Atem begleiten, und registriere einfach, was sonst erscheint – ohne es festzuhalten. Lass es kommen. Lass es gehen.

Lass los. Kehre immer wieder zu den Empfindungen zurück, die jeden Atemzug begleiten. Halte nichts fest. Sei nur der Atem, der sich selbst im weichen Bauche atmet. Löse dich von allem, was erscheint. Entspanne den Bauch, kehre zum Atem zurück.

Entspanne den Bauch. Kehre zum Atem zurück. Achte genau auf den Beginn jedes Einatmens. Achte auf die folgende Pause, auf den genauen Beginn jedes Ausatmens wie auch auf sein Ende.

Achte auf den Moment, wo der Atem zu ruhen scheint und wieder einzuströmen beginnt. Achte auf den Zeitpunkt, wo das Ausatmen endet und das Einatmen beginnt.

Gewahrsein und Empfindung verbinden sich von Moment zu Moment im weichen Bauch. Der Atem atmet sich selbst. Lass ihn kommen. Und lass ihn im Gewahrsein gehen.

Wenn die Aufmerksamkeit in Gedanken, Erinnerungen, Gefühle oder Träumereien abgleitet, dann beobachte ihr Kommen – und beobachte ihr Gehen. Kehre dann ohne die geringste Bewertung sanft zu den Empfindungen des Atems zurück.

Wenn der Geist abschweift, dann registriere einfach dieses Denken, Fühlen, Sich-Erinnern, welches das Gewahrsein von der Empfindung des Atems abgelenkt hat. Kehre zuerst zum weichen Bauch und dann zu den Empfindungen zurück, die bei jedem Einatmen, bei jedem Ausatmen entstehen.

Achte genau auf den Beginn, die Mitte und das Ende jedes Einatmens. Beachte die entstehende Pause. Registriere den Anfang, die Mitte und das Ende jedes Ausatmens. Empfindungen schweben im weichen Bauch.

Bleibe präsent. Sei nachsichtig, wenn der Geist schon nach zwei oder drei Atemzügen umherzuschweifen beginnt. Führe ihn zum Gewahrsein der Empfindungen im weichen Bauch zurück.

Langeweile, Erwartung, Phantasien – alles kommt und geht. Gefühle und Gedanken erscheinen unaufgefordert. Registriere einfach Bewegung, Veränderung. Und kehre zum Atem zurück.

Konstante Empfindung. Konstantes Gewahrsein. Das Einsetzen, die Mitte und das Ende jedes Einatmens, die entstehende Pause. Der Beginn, die Mitte und das Ende jedes Ausatmens – und der Moment, wenn sich der ausströmende Atem in den einströmenden Atem verwandelt. Äusserst präzise Aufmerksamkeit auf immer feinere Empfindungen, die mit den Atemzügen erscheinen.

Achtsames Atmen. Der Bauch hebt sich. Der Bauch senkt sich. Empfindungen erscheinen im klaren Gewahrsein. Der Atem atmet sich selbst im weichen Bauch.

Jeder Atemzug ist kostbar, ist erfüllt vom wechselnden Strom der Empfindung. Wenn der Geist abschweift, dann führe ihn zum weichen Bauch zurück und zentriere dich in den Empfindungen, die in diesem Bauch schweben. Konstante Empfindung – konstantes Gewahrsein.

Lass deine Aufmerksamkeit nun zum gesamten Körper zurückkehren. Dehne die Aufmerksamkeit aus, bis sie nicht nur den Bauch, sondern alle Empfindungen dieses Körpers umfasst, in dem du bist. Spüre das Atmen, das Sitzen, das Sein dieses ganzen Körpers, in dem du bist. Konstantes Gewahrsein des konstanten Seins im Körper. Der Atem kommt und geht, Empfindungen erscheinen ganz von selbst in klarem Gewahrsein.

Achtsamkeit ruht im Sein.

Öffne nun sanft die Augen. Achtsam gegenüber dem Sehen, dem Fühlen, dem Hören, dem Schmecken, dem Berühren, dem Denken. Achtsam gegenüber dem Sein.

Konstantes Gewahrsein. Konstante Lebendigkeit. Achtsames Sein. Achtsames Atmen.



Stephen und Ondrea Levine


Die Achtsamkeit auf das Spiel des Atmens praktizieren wir im Retreat in 30-minütigen Sequenzen. Sie kann aber auch jederzeit im Alltag praktiziert werden, sei es beim Warten auf irgendetwas, sei es im Bus oder Zug, sei es einfach zuhause während einer kürzeren oder längeren Ruhepause.

Wir beobachten das Spiel des Atems im Wechsel des Ein- und Ausatmens und in der Qualität des Atmens, sowie das Spiel des reinen Beobachtens des Atems und das Spiel des Abschweifens und Zurückkehrens der Achtsamkeit zum Atem.

Alles ist ein lebendiges Spiel, das Spiel des Lebens, und wenn wir es ernst aber nicht zu ernst nehmen, dann können wir lernen, wie das Spiel des Lebens mit spielerischem Ernst ernsthaft gespielt werden kann. Wenn das gelingt, dann macht das Spiel Freude, dann macht das Leben Freude.


Das Spiel des Bewegens

  



Die kleinste Bewegung

ist für die ganze Natur

von Bedeutung.

(Blaise Pascal)

 


Wir beginnen unser achtsames intuitives Bewegen mit der stehenden Position des Körpers. Wir nehmen die verschiedenen Empfindungen des Körpers wahr. Wir versuchen, nicht dem Gedanken nachzugehen, was wir jetzt mit dem Körper machen sollten. Wir lassen die rationalen Überlegungen darüber warum und wie wir den Körper bewegen möchten los. Es ist niemand da, kein "Ich", das den Körper bewegen sollte oder möchte. Da ist nur der Körper mit seinen Empfindungen.

Wir bleiben ruhig stehen bis sich der Körper zu bewegen beginnt. Der Körper ist intelligent, er weiss, wo er verspannt ist und welches gerade jetzt die richtige Bewegung ist, die die Verspannung lösen kann. Es ist die Intuition, die uns meldet, was der Körper braucht und was er tun möchte.

Sobald eine Bewegung beginnt, richten wir unser Gewahrsein – die Achtsamkeit – auf die körperliche Bewegung und mit klarer Bewusstheit lassen wir den Körper sich bewegen. Es kann eine kaum wahrnehmbare leichte Drehung des Kopfes, die leichte Bewegung einer Hand oder eines Fusses sein, es kann aber auch eine ausladende Bewegung der Arme sein oder eine Bewegung des ganzen Körpers, wie ein Tanz in Zeitlupe, wie auch immer der Körper sich bewegt: Es ist in Ordnung. Es ist das Spiel des Körpers, der sich in seinen Bewegungen uns selber und unserer Mitwelt mitteilt. Achtsam beobachten wir dieses Körperspiel und erfreuen uns an seinen vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten.

Wir brauchen mindestens vier Quadratmeter Platz, so dass wir uns mit ausgestreckten Armen nicht gegenseitig berühren. Wenn der Körper sich in der Gruppe frei fliessend im ganzen Raum bewegt, tut er dies mit offenen Augen, ohne mit anderen Körpern zusammenzustossen.

Auch das achtsame intuitive Bewegen praktizieren wir – wie das intuitive Tönen und das achtsame Atmen – in 30-minütigen Sequenzen.


Das Spiel des Tönens


 



Eine feinfühlige Seele

wird von Farben angesprochen,

eine noch feinfühligere vom Klang.

(Hazrath Inayat Khan)

 


Seit Jahrzehnten praktizieren meine Frau Nicole und ich intuitives Singen und Tönen, meist wenn wir alleine zuhause oder zu Fuss oder mit dem Fahrrad oder im Auto unterwegs sind. Nun haben sich unsere Töne gefunden und wir durften entdecken, dass das gemeinsame intuitive Tönen ebenso geistige Sammlung und Herzenseinigung – die Kraft der Stille – herbeizuführen vermag wie die traditionelle Atem-Meditation der Satipatthana-Methode.

Obschon das Erleben der Geistessammlung oder Herzenseinigung eine ausgesprochen schöne und beglückende Erfahrung ist, ist sie kein blosser Selbstzweck, sondern darüber hinaus vor allem notwendige Bedingung für das Aufsteigen von tiefer Einsicht in die Daseinswirklichkeit – in das Wirken der Präsenz.

Wir praktizieren das intuitive Tönen in 30-minütigen Sequenzen über zwei oder drei sich meditativ wiederholende Akkorde, die mit einem oder mehreren Instrumenten (ich z.B. mit der Gitarre) gespielt werden. Teilnehmende können eigene (akustische und nicht extrem laute) Instrumente mitbringen und sich sowohl mit ihrem Instrument wie auch mit der Stimme ins Tönen einfügen. So schaffen wir gemeinsam einen meditativen Klangteppich, der uns hilft, ganz ins Tönen einzugehen und so zu geistiger Sammlung und Herzenseinigung zu gelangen.

Die (Melodie- und Rhythmus-) Instrumente dienen uns dabei als Grundlage für das Tönen mit unserer Stimme, das sich auf blosse Vokale oder kurze Silben (nicht Begriffe) beschränkt. Was wir Erleben wollen sind nicht begriffliche Bedeutungsinhalte, sondern unsere eigene Stimme, in deren Klang (im Chor der mit uns Tönenden) wir uns vertiefen.

Wir brauchen dazu keine ausgebildeten und begnadeten SängerInnen zu sein: Jeder Mensch hat eine Stimme, die er ertönen lassen kann. Es braucht anfänglich vielleicht ein wenig Mut zur Überwindung der Hemmungen – was bereits zu einem ersten hilfreichen und wertvollen Ergebnis des intuitiven Tönens werden kann!

Auch unsere Hemmungen sind Teil des Lebensspiels, spielerisch tauchen sie auf und verschwinden wieder. Nimm sie nicht zu ernst, sie sind auch nur einfach das, was sie sind. Sie dürfen erscheinen, sich zu Wort melden, sie werden von uns angehört und wir haben die Freiheit, uns von ihnen die Freude am Spiel verderben zu lassen oder aber sie zu beschwichtigen und ihnen zu zeigen, dass ihre Ängste und Zweifel unbegründet sind.

Das intuitive Tönen ist eine wunderbare spielerische Gelegenheit, unsere Stimme wertzuschätzen und sie aus unserem Innersten heraus ertönen zu lassen, mal sanft und leise, dann auch mal aus voller Kehle erschallend. Es gibt kein Richtig und Falsch hierbei: Der Körper selber meldet sich mit dem Tönen in der konkret gegenwärtigen Verfassung und Schwingung. Wir lassen es einfach nur geschehen und werden zum Zuhörer der Töne, die aus unserer Intuition aufsteigen und durch unseren Mund in die Welt treten. Ein Spiel.

Zwölf meiner Lieder dienen uns als Grundlage für das Tönen, in sie ist das Tönen eingebettet. Zu den Liedern, den Texten und Akkorden siehe hier:



Das Spiel des Essens

 

Seit der Erfindung der Kochkunst

essen die Menschen doppelt soviel,

wie die Natur verlangt.

(Benjamin Franklin)

 


Unsere tägliche Hauptmahlzeit besteht aus dem Brunch am Vormittag: Früchte, Nüsse, Müesli, Yoghurt, Eier, Brot, Butter, Käse, Konfitüre, Honig, Milch und Kaffee oder Tee.

Die buddhistischen Mönche und Nonnen gingen (und gehen in Asien zum Teil heute noch) in den Dörfern am Morgen auf den Almosengang, um ihre tägliche Nahrung zu erhalten. Hatten sie in ihrer Almosenschale genug für ihre tägliche Mahlzeit, dann gingen sie zurück in ihre Einsiedelei oder in ihr Kloster um zu essen. Die Mahlzeit musste vor zwölf Uhr mittags beendet werden und danach durften sie nichts mehr essen bis zum nächsten Tag.

Wir halten es ein bisschen weniger asketisch, in dem wir uns am frühen Abend um fünf Uhr noch eine einfache Mahlzeit gestatten. Es wird aber in unserem Retreat kein aufwändiges Menu gekocht. Früchte, Nüsse und Brot stehen jederzeit zum Verzehr bereit. Wer will, kann auch für sich selber kochen oder in einem Restaurant eine Hauptmahlzeit einnehmen.

Der Buddha lehrte, dass alle Wesen durch Nahrung bestünden und Nyanaponika schrieb dazu, dass dies die einzige Tatsache des Lebens sei, die es verdiene, dass man sich ihrer vor allem anderen erinnere, sie betrachte und verstehe.

Der Buddha meinte damit nicht bloss die essbare Speise, sondern ausser dieser noch drei weitere Nahrungsarten, nämlich: die Sinneseindrücke, das willentliche Denken und das Bewusstsein.




Sobald wir auf einen Teil dieser Nahrungen freiwillig verzichten, merken wir, wie sehr wir nach diesen Nahrungen begehren, ja, wie abhängig und gar süchtig wir nach ihnen sind. Und eben genau dies ist der Sinn unseres Rückzugs, unserer Teilnahme an einem Retreat: Dass wir unsere Begehren kennen lernen, unsere Begehren, die laut dem Buddha die Ursache unserer Leiden sind.

Leidbefreiung besteht in der Befreiung unseres Geistes vom Begehren. Das bedeutet natürlich nicht, dass wir nichts mehr essen bis wir am Verhungern sind (so weit hat es der Buddha vor seinem Erwachen getrieben und er hat solcherlei extreme Askese dann verworfen und abgelehnt). Aber es bedeutet, dass wir uns des eigentlichen Sinns der Ernährung bewusst werden, nämlich der gesunden Erhaltung unseres Körpers, nicht mehr und nicht weniger. Und eine Woche Teilfasten (wenn wir es so nennen wollen) wird uns in keiner Weise schaden, ganz im Gegenteil.

Dasselbe gilt für die Dauerberieselung mit Sinneseindrücken und für die nie endenden Willensregungen. Auch diese Nahrungen reduzieren wir im Retreat auf ein Minimum. Indem wir mehrere Stunden täglich formale Meditation praktizieren und unseren Geist fokussieren, findet er weniger Möglichkeiten des Sichernährens an Sinneseindrücken und an Willensabsichten. Doch auch hier werden wir zuallererst erleben, wie sehr wir an diese Dauerberieselung und an unser unaufhörliches Wollen und Nichtwollen gewöhnt sind.

Wir werden in den ersten Tagen des Retreats vielleicht Hunger verspüren sowie Sinnenverlangen (Wollen) und Widerstände (Nichtwollen). Und genau dieses Spiel der Begehren und Aversionen werden wir kennen und ebenso spielerisch überwinden lernen. Und wir werden eine grosse Erleichterung und Befreiung verspüren, wenn wir uns nicht mehr als Sklaven unserer Begehrlichkeiten und Gehässigkeiten erleben müssen.

Sie wollen nur mit uns spielen, unsere Begierden und Verärgerungen, und indem wir sie entstehen und vergehen lassen ohne auf sie hereinzufallen und uns ihnen auszuliefern, nehmen wir die angemessene, ebenfalls spielerische, Position ihnen gegenüber ein, ohne sie zu ignorieren, zu verdrängen oder zu verleugnen, aber auch ohne uns von ihnen in unserem Denken, Reden und Handeln bestimmen zu lassen.

Auch was das Bewusstsein angeht, werden wir uns friedlicher und freier fühlen, indem wir ihm die unermessliche Vielfalt entziehen und es spielerisch auf ein paar wenige, wesentliche Wahrnehmungen fokussieren.


Das Spiel des Sitzens

 



Bleib sitzen,

die Zeit ist schnelllebig genug.

(Hermann Lahm)

 


Bleib sitzen. Wo und wie auch immer. Oder bleib liegen, oder bleib stehen. Ob sitzend, stehend oder liegend, in welcher Position auch immer dein Körper verweilen möchte kannst du das Spiel des Innehaltens und Stillehaltens spielen.

Welches Spiel wir auch spielen wollen, stets beginnen wir das Spiel mit der Achtsamkeit auf den Atem. Der Atem ist unser Zentrum, er ist der Kern des Lebensspiels.

Wir können das Spiel des Sitzens mit dem Spiel des Atmens zu einer Einheit verbinden, so dass sich dem reinen Beobachten das Spiel eines atmenden, sitzenden (oder stehenden, oder liegenden) Körpers präsentiert.

Wir können aber auch zulassen, dass die Achtsamkeit sich spielerisch über alle unsere sechs Sinne ausbreitet und klarbewusst alles wahrnimmt, was sich ihr zur Beobachtung anbietet:

Formen und Farben, Klänge, Gerüche, Geschmäcke, Tastempfindungen, Gefühle, Emotionen, Gedanken. Nichts ist es nicht wert, betrachtet zu werden.

Das Spiel der Wahrnehmungen. Das Spiel der Bewusstwerdungen. Das Spiel des lebendigen Lebens, das sich uns in vielfältigen Symbolen über unsere Sinne darbietet, einfach nur dadurch, dass wir achtsam und klarbewusst hier sitzen oder stehen oder liegen und aktiv nichts tun.

Im Nur-Sitzen eröffnet sich uns ein grenzenloses Erlebensspektrum, spannender als jeder Film es je sein könnte. Es ist das unmittelbare Erleben des Spiels der wahren Natur des Werdens, das heisst, des Entstehens und Vergehens jeglicher Wahrnehmung und jeglichen Bewusstseins, das sich im Innehalten und Stillehalten der Beobachtung darbietet.

Zwinge dich nicht zu ungewohnten und schmerzhaften Verrenkungen beim Sitzen: Sitze (oder liege oder stehe) einfach eine halbe Stunde lang in einer Position, in der es dir wohl ist und die dir ermöglicht, gelassen alles zu betrachten.


Das Spiel des Gehens

 

Kommen heisst Gehen.

(Manfred Hinrich)

 


Gehen heisst Kommen: Indem wir den gehenden Körper achtsam und klarbewusst beobachten, kommen wir in der Gegenwart des gehenden Körpers an.

Wir empfinden die Vibrationen im inneren des Körpers, die mit dem Gehen zusammenhängen. Muskeln, Gelenke, Tastempfindungen zwischen den Füssen und der Erde.

Das Gehen erdet uns: Jedes Heben des Fusses ist, als ob wir eine Wurzel aus der Erde ziehen würden und jedes Aufsetzen des Fusses ist, als würde eine Wurzel sich tief ins Erdreich graben. Der Körper als ein gehender Baum.

Wir lassen den Körper so gehen, wie er gerne gehen möchte, langsam oder schnell, rennend oder hüpfend: Der Körper selber weiss, welche Art der spielerischen Vorwärtsbewegung ihm jetzt gerade gut tut. Wir lassen ihn gehen.

Eine der schönsten Arten des Sich-Gehen-Lassens – und zudem die gesündeste und das Immunsystem stärkende – ist das Wandern.

 



Ich lebe im Emmental an einem wunderschönen Ort, mitten in der Natur, umgeben von Wäldern und Hügel. Bei einigermassen gutem Wetter unternehme ich fast täglich von zuhause aus kürzere bis lange (Tages-) Wanderungen. Ich empfinde es als ein grosses Privileg, hier leben zu können. In der Natur wurde mir erstmals – und wird mir immer wieder neu – erlebnismässig klar, was der buddhistische Begriff Dhamma (pali; sanskrit: Dharma) eigentlich bedeutet. Wörtlich übersetzt ist Dhamma das Tragende.  Der buddhistische Meditationslehrer  Buddhadasa Bhikkhu erklärte dazu:

Leben, besonders von der Warte des Dhamma aus gesehen, ist eine Sache der Natur. Natur bedeutet in diesem Zusammenhang etwas, das in sich, an sich, aus sich selbst heraus und als sein eigenes Gesetz existiert. Diesem Naturverständnis zufolge steht Natur nicht, wie es im Westen manchmal gesehen wird, dem Menschen gegenüber, sondern beinhaltet den Menschen und alles, was er tut und erlebt. Folglich müssen wir, um Dhamma verstehen zu können, das Geheimnis der Natur des Lebens verstehen.

Buddhadasa Bhikkhu nennt dann vier Aspekte des Dhamma des Lebens:

1. die Natur an sich
2. das Gesetz der Natur
3. die Aufgabe, das Wirken des Gesetzes der Natur in 
uns zuzulassen
4. die Freiheit, die uns aus der Erfüllung dieser Aufgabe erwächst

Wo kann uns das alles deutlicher werden, als in der freien Natur selber? Gerne lasse ich mich auf meinen Wanderungen von interessierten Einzelpersonen begleiten. Im direkten Kontakt mit der Natur können wir das Geheimnis des Lebens verstehen lernen.

Aus solchem erkannten Erleben wiederum wird uns ein unerschütterliches Vertrauen ins Leben  erwachsen, ein Vertrauen ins Leben in seiner Ganzheit, in Geborenwerden und Sterben, in Lust und Schmerz, Freude und Leid, Gewinn und Verlust, Lob und Tadel, in alle die vermeintlichen Gegensätze des Seins, die in Wirklichkeit nie Gegensätze, sondern immer schon Ergänzungen waren.


Das Spiel des Sehens


Vieles lesen macht stolz und pedantisch;

viel sehen macht weise, verträglich und nützlich.

(Georg Christoph Lichtenberg)

 

Essay von Nyanaponika Mahathera aus "Im Lichte des Dhamma - Buddhistische Texte":


Die Dinge sehen, wie sie sind

Wenn wir aus dem so gewaltig grossen Bereich von Lebenserscheinungen auch nur einen ganz kleinen Ausschnitt betrachten, dann finden wir darin eine so enorme Mannigfaltigkeit von Lebensformen und ihren Komponenten, dass sie jeder Beschreibung trotzt. Drei Grundtatsachen jedoch sind den verschiedenen Lebewesen auf all ihren Entwicklungsstufen gemeinsam, von der Mikrobe bis zum Menschen, und im Geistigen von den einfachsten Sinneswahrnehmungen bis zu den subtilen Gedanken eines schöpferischen Genies. Diese drei Fakten sind:

- die Vergänglichkeit und ausnahmslose Veränderlichkeit aller körperlichen und geistigen Vorgänge,

- ihre Leidhaftigkeit und unbefriedigende Natur,

- ihre Ich- und Substanzlosigkeit.


Diese drei Grundtatsachen der Existenz wurden vor über 2500 Jahren zum ersten Mal vom Buddha entdeckt und formuliert. Er wurde daher mit Recht als "Kenner der Welt" bezeichnet. In buddhistischer Terminologie sind diese drei Fakten als die "drei Merkmale" bekannt, als die unauslöschbaren Kennzeichen von allem, was ins Leben tritt; die Siegel, mit denen alles Lebendige geprägt ist.

Das erste und das dritte Merkmal gelten sowohl für Lebewesen wie auch für die nicht belebte Natur. Denn alles Existierende ist dem Wandel und dem Vergehen unterworfen und hat keine beharrende Substanz irgendwelcher Art. Das zweite Merkmal, Leidhaftigkeit, ist natürlich nur eine Erfahrung empfindender Lebewesen. Der Buddha wandte jedoch das Merkmal der Leidhaftigkeit auf alle bedingten Phänomene an, und zwar in dem Sinne, dass alles bedingt Entstandene für Lebewesen eine mögliche Ursache von Leiderfahrung ist und dass es keine dauernde Befriedigung gibt. So sind diese drei eben wahrhaft universale Kennzeichen, die auch für das gelten, was unterhalb oder jenseits unserer Wahrnehmungsschwelle liegt.

Der Buddha lehrt, dass die Daseinserscheinungen, materielle wie geistige, nur dann richtig und wirklichkeitsgemäss verstanden werden können, wenn diese drei Merkmale verstanden sind. Dieses Verstehen aber soll nicht auf ein rein intellektuelles beschränkt bleiben, sondern muss aus der Konfrontierung mit der eigenen Erfahrung wachsen. Die Klarblicks-Weisheit, die der entscheidende befreiende Faktor ist, besteht in dem auf eigene Erfahrung gegründeten Verstehen eben jener drei Daseinsmerkmale, gegründet auf die eigenen körperlichen und geistigen Prozesse, vertieft und gereift in Meditation.


Dinge sehen, wie sie wirklich sind, heisst, sie konsistent im Lichte der drei Daseinsmerkmale zu sehen. Wenn man sie aber nicht so sieht oder sich über ihre Tatsächlichkeit oder die Reichweite ihrer Anwendung täuscht, so ist das ein bestimmendes Kennzeichen der Unwissenheit. Eben diese Unwissenheit ist die Hauptquelle des Leidens, das sich aus einer unergründlichen Vergangenheit in eine ungewisse Zukunft fortsetzt und so den Daseinskreislauf in Gang hält. Diese Unwissenheit über die drei Daseinsmerkmale knüpft das Netz, in das sich der Mensch verfängt, das Netz täuschender Hoffnungen, unerfüllbarer und unheilsamer Wünsche, trügerischer Ideologien und falscher Werte und Ziele.

Ein Ignorieren oder Verfälschen der drei Daseinsmerkmale kann nur zu Frustrierung führen, zu Enttäuschung und schliesslich zu Verzweiflung. Doch wenn wir es lernen, trügerische Erscheinungsformen zu durchschauen und die drei Merkmale in allen Gestaltungen wiedererkennen, dann wird uns dies vielfachen Gewinn bringen, sowohl im täglichen Leben wie auch in unserem spirituellen Streben. Auf der weltlichen Ebene wird ein klares Gewahrsein der Vergänglichkeit einen realistischen Ausblick auf das Leben und seine Möglichkeiten geben. Es wird uns vor falschen Erwartungen bewahren, uns eine mutige Hinnahme von Leiden und Fehlschlägen geben und uns schützen gegen die Verlockungen durch Wunschträume und allzu gläubige Gedanken.

Für unser Streben nach dem überweltlichen Ziel der Leidfreiheit ist ein tieferes Verständnis und Erlebnis der drei Merkmale unerlässlich. Für ein intensives meditatives Erfassen bilden sie die drei möglichen Zugangswege zum Ziel der Leidfreiheit. Die meditative Erfahrung, dass alle Daseinsvorgänge untrennbar mit den drei Merkmalen verknüpft sind, wird die Fesseln unseres Geistes, die uns an das fälschlich für beständig, glückbringend und substanzhaft vermeinte Dasein binden, zunehmend lockern und wird schliesslich diese Bindung endgültig brechen.

Mit wachsender Klarheit wird man die Dinge, die inneren und die äusseren, in ihrer wahren Natur erkennen: als in ständigem Wandel befindlich, als verquickt mit Leidhaftigkeit und als kernlos, ohne eine ewige Seele, ein identisches Ich oder eine beharrende Substanz.

In solchem Anblick wird die innere Ablösung von allem Leidhaften und Unbefriedigenden stetig zunehmen, wird grössere Freiheit vom ichbezogenen Anhaften bringen und schliesslich in der endgültigen Befreiung des Geistes von allen Fesseln und Befleckungen gipfeln, im Nibbana.


Das Spiel des Begegnens

 




Nicht weil Kälte unter den Menschen herrscht,

wagen wir die Begegnung nicht.

Weil wir die Begegnung nicht wagen,

herrscht Kälte unter den Menschen.

(Kurt Haberstich)

 

Man kann nicht nicht kommunizieren. Dieser berühmte Satz von Paul Watzlawik sagt eigentlich schon alles aus über das authentische Begegnen: Ununterbrochen befinden wir uns im Senden und Empfangen von Information. Wir kommunizieren durch den Blick, durch die Mimik, durch Gesten, durch die Haltung des Körpers und – natürlich auch – durch die Sprache und den Tonfall.

In einer authentischen Begegnung stehen die sprachlichen und die nicht sprachlichen Kommunikationsformen nicht im Widerstreit zueinander, sondern in Ergänzung: Was gesendet und was empfangen wird ist ein ganzheitliches Erleben in einem konkreten Kontext hier und jetzt.

Unerforschlich einbegriffen leben wir in der strömenden All-Gegenseitigkeit, sagte Martin Buber. In dieser All-Gegenseitigkeit, in der authentischen Begegnung, können wir uns über das Erleben des intuitiven Tönens, des achtsamen Atmens und des achtsamen intuitiven Bewegens austauschen. Wir versuchen, unser unmittelbares Erleben des Tönens, des Atmens, des Bewegens – und nicht zuletzt auch der gerade hier und jetzt stattfindenden Begegnung – in Sprache, in Worte, Begriffe, Sätze, Bilder zu kleiden und uns dieses Erleben gegenseitig mitzuteilen. In dieser Gegenseitigkeit kann ich als Mensch authentisch werden und im Wahrhaftigsein wachsen und reifen. Mirko Frýba schreibt dazu:

Ohne wahres Sprechen und Denken ist keine Läuterung des Erlebens möglich. Sprechen und Denken ist wahr, wenn es sich auf wirkliche, nicht "ausgedachte" Ereignisse bezieht und wenn es diese ohne Entstellungen gründlich auffasst und in Beziehung setzt. In diesem Sinne ist Wahrhaftigkeit ein Aspekt der Intelligenz –  Intelligenz heisst ursprünglich ein Erfassen von Beziehungen und Bedeutungen, ein Ablesen dessen, was zwischen dem körperlich Wirklichen geschieht – und Lüge ist ein Ausdruck der Dummheit.

Wir lügen aus Angst, zu der Wahrheit zu stehen oder aus Unfähigkeit, die Wirklichkeit so aufzufassen, wie sie ist. Wie unklug und gefährlich sich jede Wirklichkeitsentstellung auswirkt, wird uns immer dann klar, wenn wir durch ein auf unwahre Aussagen gestütztes Handeln in Schwierigkeiten geraten. Verlogenheit ist ein Verrat an der Wirklichkeit, die in körperlich erlebbaren und deswegen intersubjektiv gemeinsamen Bereichen stattfindet.

Nicht nur eine wahre, wirklichkeitsbezogene Erkenntnis – eine ausschliesslich logische, nur begrifflich abgeleitete Erkenntnis ganz beiseite gelassen – ist für die Läuterung des Geistes nötig; es ist auch ein körperliches Nachvollziehen der Wahrheit erforderlich. In solch körperlichem Vollzug des Wahren und wirklich Möglichen werden die Entstellungen und Verhärtungen aufgelöst, die durch Verlogenheit und Wirklichkeitsentfremdung entstanden sind.

Entstellungen und Verhärtungen in unserem Geiste und in unserem Körper, der den Geist trägt, sind das innere Gegenstück zu den Lügen, Halbwahrheiten und äusseren Wirklichkeitsentstellungen, denen wir uns angepasst haben. Unwissenheit, fixe Ideen, Illusionen, Dünkel und Wahn, die unser Denken stören, können nur bestehen, solange unsere Geistestätigkeiten ohne körperlichen Wirklichkeitsbezug ablaufen. Entsprechend bewirkt die Herstellung des Wirklichkeitsbezugs ein Auflösen jener pathologischen Verhärtungen und Entstellungen. Das Wissen, Denken und Sprechen wird wahr, das Erleben in der körperlichen Wirklichkeit verankert.

Das ist die Bedeutung einer authentischen Begegnung. Es geht nicht um den Austausch von Theorien und deren Interpretationen, auch nicht um gegenseitige Belehrungen, sondern um die Praxis des aufrichtigen Miteinanderunterwegsseins in der Begegnungswelt. Noch einmal Martin Buber:

Ich muss es immer wieder sagen: Ich habe keine Lehre. Ich zeige nur etwas. Ich zeige etwas an der Wirklichkeit, was nicht oder zu wenig gesehen worden ist. Ich nehme ihn, der mir zuhört, an der Hand und führe ihn zum Fenster. Ich stosse das Fenster auf und zeige hinaus. Ich habe keine Lehre, aber ich führe ein Gespräch.

Ich werde am Du; Ich werdend spreche ich Du. Alles wirkliche Leben ist Begegnung.

Nirgendwo kommt das Spielerische des Lebens stärker zum Ausdruck als in unseren Begegnungen. Was da in einer auch nur kurzen Begegnung alles aufscheint und wieder erlischt an Sinneseindrücken und mit diesen verbundenen Gefühlen, Emotionen und Gedanken ist wie ein eigenes Universum von Erleben. Das reine Beobachten lässt dieses Universum und sein anfangs- und endloses Spiel geschehen und spielt mit.